Genius

Genius

Spielfilme über Schriftsteller und das Schreiben gibt es zu Hauf. Aber meistens wird in diesen Filmen wenig bis gar nicht geschrieben. In kurzen Sequenzen hämmern Autorinnen und Autoren auf die Tasten der Schreibmaschine oder kritzeln in einem Schreibanfall Papiere voll. Über die langwierigen und wechselhaften Schreibprozesse und darüber, wie ein guter Text entsteht, ist aus solchen Annäherungen in der Regel wenig zu erfahren. Eine Ausnahme bilden jene Biopics, die einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ins Zentrum rücken und deren Suche nach einer eigenständigen Stimme und den Kampf um literarische Anerkennung näher beleuchten. Genius von Michael Grandage ist so ein Beispiel, auch wenn der Film dann eher für ein Publikum von Interesse ist, das sich für den eigenwilligen Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law), dessen Lektor Max Perkins (Colin Firth) oder für die US-amerikanische Literaturgeschichte der ausgehenden 1920er-Jahre interessiert.

Max Perkins (1884–1947) hat beim New Yorker Verlagshaus Charles Scribner’s Sons belletristische Grosskaliber wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald aufgebaut und seinen Autoren auch bei Gegenwind die Treue gehalten. Auf der Grundlage von A. Scott Bergs Biografie Max Perkins: Editor of Genius zeichnet der Film Stationen des Ausnahmetalents Thomas Wolfe auf dem Weg zum Erfolg und bis zu seinem frühen Tod 1938 nach. Im Zentrum steht dabei die enge Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen dem impulsiven Autor und seinem legendären Lektor.

Genius erzählt, wie Perkins den jungen Wolfe 1929 unter seine Fittiche nimmt und dessen spätere Erfolge Look Homeward, Angel (1929; dt. Schau heimwärts, Engel; übers. v. Irma Wehrli) und Of Time and the River (1935; dt. Von Zeit und Fluss; übers. v. Irma Wehrli) herausbringt. Doch vorerst müssen die überbordenden Manukripte massiv gekürzt und in marktfähige Bücher verwandelt werden. Keine leichte Aufgabe, selbst für den erfahrenen Verlagsmann, denn Wolfe hängt an seinen Formulierungen und ist immer wieder versucht, seinem umfangreichen Text noch weitere Absätze hinzuzufügen. Perkins muss den empfindsamen Autor schonend, aber bestimmt davon überzeugen, dass Umstellungen und Kürzungen notwendig sind, um aus dem Konvolut loser Blätter einen Roman zu destillieren. «Meine Aufgabe», betont er, «meine einzige Aufgabe ist es, dem Leser gute Bücher in die Hand zu geben.» Da müssen unter Umständen schon mal 300 Seiten geopfert werden, denn: «Wichtig ist nicht die Seitenzahl, sondern wie die Geschichte erzählt wird.»

Daniel Ammann, 23.5.2017


Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft.
USA 2016. Regie: Michael Grandage.
Zürich: Ascot Elite Home Entertainment, 2017. DVD.

Unkreativ kreativ

Sampeln, abschreiben, covern und remixen. Sieht so die neue Kreativtiät aus? In einer Erzählung von Jorge Luis Borges schreibt Pierre Menard den Don Quijote Wort für Wort neu. Die Doppelschöpfung ist textlich nicht vom Original zu unterscheiden, wirkt aber postmodern raffiniert. Wie wir kreativ unkreativ mit dem kulturellen Erbe umgehen können, beleuchtet der konzeptionelle Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith in seinem provokativen Essayband Uncreative Writing (Matthes & Seitz 2017). Von seinen Studierenden verlangt er einen Leistungsnachweis, den sie nicht selbst formulieren. Vielmehr müssen sie sich Bestehendes kreativ zu eigen machen. Gold­smith selber hat in einer Aktion die täglichen Wetterprognosen der New York Times abgetippt und als Buch herausgebracht.

Auch der jugendliche Protagonist in Cory Doctorows Roman Pirate Cinema (Heyne 2014) montiert Filmclips zu hintersinnigen Mashups. Die Meisterwerke stossen  auf Anklang, sorgen bei den Gesetzeshütern aber für Ärger. Der Regisseur ohne Kamera taucht ab und setzt seinen Kampf für faire Nutzungsrechte aus dem Untergrund fort. «Schafft eure eigene Kunst. Kreativität heisst nur zu ver­einen, was noch niemand bisher vereint hat.»

Weniger riskant geht Regisseur Carl Reiner ans Werk. Für seinen Spielfim Dead Men Don’t Wear Plaid (USA 1982; dt. Tote tragen keine Karos) hat er sich bei 18 Klassikern aus den 40er- und 50er-Jahren be­dient und die Ausschnitte mit einer parodistischen Handlung kombiniert. Die kreative Rekontextualisierung haucht den Versatzstücken neues Leben ein. Das ist nicht nur witzig und frech, sondern durchaus erlaubt.

Daniel Ammann, 23.5.2017


«Unkreativ kreativ.»
Akzente 2 (2017): S. 39.
 blog.phzh.ch/akzente/2017/05/23/unkreativ-kreativ/
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Kenneth Goldsmith
Uncreative Writing: Sprachmanagement im digitalen Zeitalter.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein.
Berlin: Matthes & Seitz, 2017. 352 Seiten.

Cory Doctorow.
Pirate Cinema.
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka.
München: Wilhelm Heyne, 2014.  
510 Seiten. Ab 14 Jahren.

Dead Men Don’t Wear Plaid.
USA 1982.
Regie: Carl Reiner.

Mastermind

«Mastermind.»
Akzente 3 (2016): S. 35.

https://blog.phzh.ch/akzente/2016/08/23/mastermind/
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Mr. Holmes.
GB 2015. Regie: Bill Condon.
Zürich: Ascot Elite, 2016. DVD.

Maria Konnikova.
Die Kunst des logischen Denkens: Scharfsinnig analysieren und clever kombinieren wie Sherlock Holmes.
Aus dem Englischen von Andrea Panster.
München: Ariston, 2013. 399 Seiten.

Mattias Boström.
Von Mr. Holmes zu Sherlock: Meisterdetektiv, Mythos, Medienstar.
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann u. Hanna Granz,

München: btb, 2015. 608 Seiten. 

Asoziale Netzwerke

Asoziale Netzwerke

Zwei Jugendliche geben sich im Chat als freizügiges Girl aus und setzen damit leichtfertig das Leben eines Mitschülers aufs Spiel. Ein Ehepaar spricht seit dem Tod seines Babys kaum noch miteinder. Sie sucht in einem Selbsthilfeforum Trost, er lenkt sich online mit Pokerspielen ab. Eine engagierte TV-Reporterin versucht einem Cam-Boy zu helfen, scheint ihn aber ebenso für ihre Zwecke zu missbrauchen wie der Betreiber der Porno-Website. In seinem Spielfilm Disconnect (Impuls Media 2014) verwebt Regisseur Henry-Alex Rubin persönliche Schicksale und Parallelgeschichten zu einem Sittenbild der digitalisierten Gesellschaft – und er zeigt, dass «Soziale Medien» unser Zusammenleben nicht einfacher machen. 

In seinem beunruhigenden und zuweilen plakativen Thesenroman Der Circle (Kiepenheuer & Witsch 2014) entwirft Dave Eggers ein Szenario, wie wir es uns schon gut vorstellen können. Als eine junge Frau auf dem riesigen und mit kulturellen Aktivitäten brodelnden Campus des «Circle» zu arbeiten beginnt, kommt es ihr vor, als würde die Welt gerade neu erfunden. Google, Facebook und Twitter waren gestern. Der expandierende Social-Media-Konzern führt alles zusammen und schafft Anonymität und Geheimnisse ab. «Alles Private ist Diebstahl», lautet ein Motto der neuen Weltordnung. Transparenz verkommt zur Tyrannei und Freiheit wird der Firmenideologie geopfert.

Daniel Ammann, 26.11.2024

«Asoziale Netzwerke?»
Akzente 4 (2012): S. 35.
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Disconnect.
USA 2014; Regie: Henry-Alex Rubin.
Cham: Impuls Media Group, 2014. DVD.

Dave Eggers
Der Circle.
Aus dem Englischen v. Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann.
Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2014. 560 Seiten.

The Circle.
USA/Vereinigte Arabische Emirate 2017. Regie: James Ponsoldt.

Memento mori

Wir sind nicht unsterblich – und das ist gut so. Wie die Autoren des Sachbuches Der Wurm in unserem Herzen (DVA 2016) nachweisen, wirkt sich das Wissen um unsere irdische Vergänglichkeit massgeblich darauf aus, welche Entscheidungen wir tref­fen und wie wir unser Leben gestalten. Das menschliche Bewusstsein, so ihre These, bedeutet nicht nur einen Quantensprung in der Evolution, sondern macht Reflexion und Religion erst möglich und lässt uns den ge­setz­ten Grenzen kreativ und kühn gegenübertreten. Gleichzeitig scheint Todesangst aber kulturelle Intoleranz und Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden zu verstärken.
Eine andere Annäherung an das Thema unternimmt Thea Dorn in ihrem vielstimmigen Roman Die Unglückseligen (Knaus 2016). Die Geschichte handelt von einer Molekularbiologin und ihrer unheimlichen Begegnung mit dem unsterblichen Goethe-Zeitgenossen Johann Ritter, der nach 240 Jahren des Lebens überdrüssig ist. Die Bearbeitung des alten Faust-Mythos führt drastisch vor Augen, dass die Mensch­heit zwar nach ewigem Leben trachtet, aber körperliche Un­sterb­lichkeit ebenso Fluch wie Segen wäre.
Weniger programmatisch, dafür umso einfühlsamer erzählt der Film The Age of Adaline (USA 2015), wie einsam ewige Jugend macht. Als die junge Adaline Bowman in den 1930er-Jahren nach einem Autounfall nicht mehr altert, be­ginnt für sie ein jahrzehntelanges Versteckspiel. An ein normales Leben mit Familie und Freunden ist nicht mehr zu denken. Immer wieder muss sie flüchten und unter wechselnden Identitäten ein neues Leben beginnen.

Daniel Ammann, 26.5.2016

«Memento mori.»
Akzente 2 (2016): S. 35.
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Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski.
Der Wurm in unserem Herzen: Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst.
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg.
München: DVA, 2016. 367 Seiten.

The Age of Adaline. (Für immer Adaline.)
USA 2014. Regie: Lee Toland Krieger.
Zürich: Ascot Elite, 2015. DVD.

Thea Dorn.
Die Unglückseligen.
München: Knaus, 2016. 555 Seiten. 

Magoria by Daniel Ammann