Gegenentwürfe

Gegenentwürfe

In den beiden Romanen nehmen nicht nur die ersten Sätze aufeinander Bezug, auch die erzählten Geschichten lassen sich literaturkritisch gegeneinander ausspielen.

Dabei zeigt sich wieder einmal: Retellings sind mehr als einfache Nacherzählungen oder Imitationen ihrer Vorbilder. Sie haben das Potenzial zur literarischer Transformation. Das ist besonders dann anregend und reizvoll, wenn eine vertraute Geschichte aus der Perspektive einer anderen Figur gezeigt wird und die kreative Aneignung, Fortführung oder ein Spin-off den vertrauten Stoff transzendiert und sich als eigenständige Erzählung etabliert.

Verfremdung

Faszinierend ist dabei, dass ein innovatives Retelling unweigerlich auch den Ursprungstext selbst verändert, ihn neu positioniert und unsere Wahrnehmung eines Klassikers radikal auf den Kopf stellen kann. Wer zeitgenössische Romane wie Percival Everetts James (2024) oder Sandra Newmans Julia (2023) liest, begegnet nach dem literarischen Perspektivenwechsel fortan auch Mark Twain, George Orwell und deren Figuren mit anderen Augen. Beim Wiederlesen entdecken wir in den Klassikern neue Facetten.1

In gewisser Weise treten Original und Retelling in einen Dialog, etwa wenn die jeweiligen Texte aus unterschiedlichen Blickwinken erzählen. So wird Julia in 1984 aus Winstons Sicht eingeführt:

Gerade als Winston seinen Platz in einer der mittleren Reihen einnimmt, betreten zwei Personen, die er nur vom Sehen kennt, unerwartet den Raum. Die eine ist eine Frau, der er öfters auf den Korridoren begegnet. Wie sie heisst, weiss er nicht, nur dass sie in der Abteilung Fiktion arbeitet. […] Sie ist ungefähr siebenundzwanzig und wirkt unerschrocken, dickes dunkles Haar, sommersprossiges Gesicht und rasche sportliche Bewegungen. […] Vom ersten Augenblick an ist sie Winston unsympathisch gewesen. Er weiss auch warum. Es liegt an ihrer Aura: Hockeyfelder und kalte Duschen und Gemeinschaftswanderungen und allgemeine Gedankenreinheit. Fast alle Frauen sind ihm unsympathisch, vor allem die jungen und hübschen. […] Und diese hier kommt ihm gefährlicher vor als die meisten anderen. Einmal, bei einer kurzen Begegnung im Korridor, hat sie ihm einen raschen Seitenblick zugeworfen, der hat ihn schier aufgespiesst und ihm kurz blankes Entsetzen eingejagt. Könnte sie eine Denkpol-Agentin sein? (Übers. v. Frank Heibert)

Orwell lässt uns an den Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen seiner Hauptfigur Winston teilhaben. Newmans Wechsel zur weiblichen Ich-Erzählerin ist radikaler und macht Julia zu einer entschlossenen und autarken Figur, die mehr ist als Winstons Projektions­fläche. Ihr Eindruck von Winston fällt ebenfalls nicht schmeichelhaft aus, wie schon der allererste Satz des Romans offenbart. Das kollidiert womöglich mit den Erwartungen der Lesenden, die den Ausgang der Handlung vermutlich kennen und nun auf die transformative Umsetzung unter veränderten Bedingungen gespannt sind.

Mit diesem Mann aus der Abteilung Archiv fing alles an, diesem knurrigen, grimmigen Typen, der immer so von oben herab wirkte mit seinem Altdenkgehabe und absolut keine Ahnung hatte, was auf ihn zukommen würde. Syme nannte ihn nur Old Misery. (Übers. v. Karoline Hippe)

Das Zusammenspiel der beiden Texte erweitert nicht nur den Blick und eröffnet andere Sichtweisen, sondern erzeugt durch die unterschiedlichen und sich ergänzenden Kamerapositition eine Dynamik, die völlig neue Interpretationsansätze zulässt. 

Daniel Ammann, 15.6.2026


  1. Auf ähnliche Weise bietet auch François Ozons aktuelle Filmadaption des Romans von Albert Camus einen Anlass, die Geschichte des Fremden neu zu betrachten und zu interpretieren. ↩︎

Albert Camus
Der Fremde.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller [1994].
Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2026.

Kamel Daoud
Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung.
Aus dem Französischen von Claus Josten.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017.

Percival Everett
James.
Mit zahlreichen Selbsttests.
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
München: Hanser, 2024.

Sandra Newman
Julia.
Aus dem Englischen von Karoline Hippe.
Köln: Eichborn Verlag, 2023.

George Orwell
1984.
Neu übersetzt und mit einem Nachwort von Frank Heibert.
Frankfurt/M.: S. Fischer, 2021.

Literarischer Perspektivenwechsel

Literarischer Perspektivenwechsel

Mark Twain zufolge handelt es sich bei Klassikern um Bücher, die zwar viel gelobt, aber kaum gelesen werden. Trotz langem Haltbarkeits­datum müssen sie hin und wieder neu aufgelegt werden, damit sie unter Bergen von Novitäten nicht verloren gehen. Für eine Revitali­sierung sorgen dabei weniger die Eingriffe ins Original, um es dem scheinheiligen Zeitgeist zu unterjochen, sondern vielmehr die aufmerksame und den historischen Kontext berücksichtigende Lektüre. Moderne Übersetzungen und Verfilmungen haben es da etwas einfacher, laufen aber gleichfalls Gefahr, die Urfassung zu verbiegen. Warum also nicht frisch ansetzen und dem Stoff eine neue Stimme geben?
Genau dies tut Percival Everett mit seinem Roman James (Hanser, 2024). Er lässt Mark Twains Huckleberry Finn (1885) durch den Sklaven Jim erzählen, erweist dem Klassiker dadurch seine literarische Reverenz und liefert modernen Leser:innen gleichzeitig ein sozialgeschichtliches Korrektiv. Auf ähnliche Weise verfährt Sandra Newman, wenn sie in Julia (Eichborn, 2023) Orwells dystopischen Roman 1984 (1949) aus Sicht der weiblichen Nebenfigur präsentiert. 

Auch Michael Morpurgos Kinderbuch schafft dieses Kunststück. In Toto (Atrium, 2019) bietet er vertrautes Personal auf und lässt uns «auf vier Pfoten zum Zauberer von Oz» reisen.

Daniel Ammann, 24.8.2024, aktualisiert 3.6.2026

«Literarischer Perspektivenwechsel.»
Akzente 3 (2024): S. 35.
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Literaturangaben

Percival Everett
James.
Mit zahlreichen Selbsttests.
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
München: Hanser, 2024. 336 Seiten.


Sandra Newman
Julia.
Aus dem Englischen von Karoline Hippe.
Köln: Eichborn Verlag, 2023. 445 Seiten.


Michael Morpurgo
Toto: Auf vier Pfoten zum Zauberer von Oz.
Aus dem Englischen von Anne Braun. Mit Bildern von Emma Chichester Clark.
Zürich: Atrium, 2019. 256 Seiten. Ab 7 Jahren.

Grosse Brüder, kleine Brüder …

Grosse Brüder, kleine Brüder …
 

«Orwells Zukunft ist längst Gegenwart.»
Neue Zürcher Zeitung 8.4.2021, S. 30.
 nzz.ch/feuilleton/

Den Klassiker «1984» gibt es nun auch als Jugendroman und als Graphic Novel. Seine düsteren Szenarien haben aber auch andere Autorinnen und Autoren inspiriert.

(8.4.2021; aktualisiert 21.6.2026)



George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. rororo rotfuchs. Hamburg: Rowohlt, 2021. 416 Seiten. Ab 14 Jahren.


Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa: 1984. Nach George Orwell. Graphic Novel. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Knesebeck, München 2021. 128 Seiten.


Philip Kerr: 1984.4. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Mit einem Nachwort von Christiane Steen. rororo rotfuchs. Hamburg: Rowohlt, 2021. 320 Seiten. Ab 14 Jahren.

   
Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch. München: Piper, 2020. 416 Seiten.

   
Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin: Berlin Verlag, 2019. 575 Seiten.


Renée Nault: Der Report der Magd. Nach Margaret Atwood. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Ebi Naumann. Berlin: Berlin Verlag, 2019. 240 Seiten.

   
Cory Doctorow: Little Brother. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011 (2010). 492 Seiten. Ab 14 Jahren.
Neuausgabe unter dem Titel: Little Brother – Aufstand.
Mit einem Vorwort von Edward Snowden.
München: Heyne, 2021. 448 Seiten.


Cory Doctorow: Little Brother – Homeland. Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka. München: Wilhelm Heyne, 2013.
Neuausgabe unter dem Titel: Little Brother – Revolution.
München: Heyne, 2021. 480 Seiten.


Cory Doctorow: Little Brother – Sabotage. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. München: Heyne, 2022. 572 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann