Auster: Das rote Notizbuch

Die Wirklichkeit ist mitunter fantastischer als die Fiktion. Wer wüsste das besser als Paul Auster, der Meister des Zufalls. Nicht selten stellen in seinen Romanen schicksalhafte Wendungen die Weichen und zwingen seine Leserinnen und Leser, ihre Ungläubigkeit ausser Kraft zu setzen. «Am Ende ist jedes Leben nicht mehr als die Summe von Zufällen», sinniert ein Ich-Erzähler in der New-York-Trilogie, «eine Chronologie von unerwarteten Überschneidungen, glücklichen Zufällen, wahllosen Ereignissen, die nichts als ihre eigene Planlosigkeit enthüllen.» 

In Austers Universum stehen die Tatsachen den Erfindungen allerdings in nichts nach, wie er in seinem Roten Notizbuch anhand anekdotischer Erlebnisberichte dokumentiert. Seit 1992 ist das dünne Bändchen immer wieder um Episoden erweitert und neu aufgelegt worden. Die vorliegende Ausgabe vereint zum ersten Mal sämtliche wahren Geschichten, die der Autor über die Jahre zusammengetragen hat und für deren Echtheit er sich mehrfach verbürgt. «Das ist wirklich geschehen», beschliesst er die Erzählung über einen mysteriösen Telefonanruf, der ihn zu seinem ersten Roman inspiriert hatte – und dem Jahre später ein noch geheimnisvollerer Anruf folgen sollte. «Wie alles andere, was ich in diesem roten Notizbuch aufgezeichnet habe, ist es eine wahre Geschichte.» Wie eine Figur seiner New-Yorker-Trilogie scheint auch Paul Auster davon überzeugt, dass nichts wirklich ist ausser dem Zufall. 

Daniel Ammann,  25.5.2018

«Wahre Zufälle.»
Akzente 2 (25.5.2018).
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Paul Auster
Das rote Notizbuch: Wahre Geschichten.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018. 112 Seiten. 

  

Topografie des Lebens

Topografie des Lebens

«Topografie des Lebens.» Paul Austers Roman Sunset Park.
Neue Züricher Zeitung 7.8.2012, S. 47.

Paul Auster.
Sunset Park.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012.
317 Seiten.

Was gewesen ist, lässt sich weder ausradieren noch umschreiben. Aber Neuanfänge sind möglich. Für Miles Heller, die zentrale Hauptfigur in Paul Austers Roman «Sunset Park», könnte die Begegnung mit der aufgeweckten Pilar einen Neuanfang bedeuten und ihn aus der emotionalen Lethargie befreien. Vor siebeneinhalb Jahren hat er sich über Nacht von seinem wohlbehüteten New Yorker Zuhause verabschiedet, ist spurlos untergetaucht und hält sich seither mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Fintenreiche Fiktion – Paul Austers Unsichtbar

Paul Auster: Unsichtbar

«Fintenreiche Fiktion.» Paul Austers Roman Unsichtbar.
 Neue Zürcher Zeitung 16.9.2010, S. 50.

Paul Auster.
Unsichtbar.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010.
316 Seiten.

Sonderbare Zufälle, verhängnisvolle Begegnungen und traumatische Verluste ziehen sich wie blutrote Fäden durch das Werk des New Yorker Schriftstellers Paul Auster. Seine Erzähler sind gebrochene Figuren, die hoffen, in ihrer Geschichte Antworten oder Trost zu finden. Auch in seinem fünfzehnten Roman variiert Auster vertraute Motive: ein Buch im Buch, ungelöste Rätsel und nicht weniger als drei Erzählstimmen.

Magoria by Daniel Ammann