Manchmal muss man einfach beginnen, um einen Anfang zu machen, den Prozess in Gang setzen. Ob sich diese ersten Sätze am Ende dann auch als Anfang eignen, ist eine andere Frage. Martin Walser bleibt skeptisch. «Ich möchte nie begründen müssen, warum ein Satz als erster Satz taugt», schreibt er in Vormittag eines Schriftstellers. «Ich finde es aber schon einmal günstig, wenn der erste Satz nicht nur ein Satz ist, der an und für sich bestehen kann, sondern wenn er auch noch vom Anfangen handelt.»
Hier soll es also nicht um Tod und Verderben, verstörende Telefonanrufe oder böse Überraschungen gehen, die der Handlung einen gewaltigen Tritt versetzen. Denn man kann durchaus sanft einsteigen, leise beginnen, und, wie Martin Walser anregt, den Anfang selbst zum Thema machen.
Dass in den ersten Sätzen eines Romans auch inhaltlich etwas beginnt, ist keine Seltenheit. Der Morgen bricht an, eine Figur erwacht. Das muss keineswegs langweilig sein, wie Christopher Isherwood in A Single Man (in der Übersetzung von Thomas Melle) mit Verfremdungseffekten demonstriert:
Das Aufwachen fängt an mit bin und jetzt. Was wachgeworden ist, liegt eine Weile da, starrt hoch zur Decke und tief in sich hinein, bis es sich erkannt und daraus ich bin geschlossen hat, ich bin jetzt. Hier folgt als Nächstes, was, wenn auch auf unangenehme Weise, beruhigt; denn hier ist heute Morgen genau dort, wo es erwartet hatte, sich wiederzufinden; man nennt es auch zu Hause.
Dieses morgendlich Zu-sich-Kommen braucht nicht so drastisch zu sein wie bei Gregor Samsa, der nach dem Erwachen feststellen muss, dass er sich in ein Ungeziefer verwandelt hat. Eine leichte Veränderung reicht schon, ein Entschluss oder ein Ereignis, das einen Umschwung herbeiführt, einen Neuanfang ankündigt.
Den Anfang zum Thema machen
Selbst wenn man die Geschichte mehr oder weniger im Kopf hat, muss man sich beim Erzählen für einen bestimmten Anfang entscheiden. Auch diese poetologische Frage eignet sich als Einstieg, wie Graham Greene in Das Ende einer Affäre zeigt. «Eine Geschichte hat weder Anfang noch Ende», lässt er seinen Ich-Erzähler Maurice Bendrix sinnieren. «Willkürlich wählt man den Moment, von dem aus man ein Erlebnis rückschauend betrachtet oder sich vorstellt, wie es weitergeht.» Er wählt einen bestimmten Januarabend im Jahr 1946, fragt sich aber im gleichen Atemzug, ob er wirklich aus freiem Willen entscheidet oder ob der Anfang ihn ausgewählt hat. «Ist es angemessen, ist es korrekt, den Regeln meines Handwerks entsprechend, einfach da zu beginnen?»
In seiner Adaption von 1999 findet Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan für diesen Anfang eine filmsprachlich passende Entsprechung: Die Kamera fährt über die Tastatur einer alten Schreibmaschine. Maurice Bendrix (Ralph Fiennes) spannt einen Bogen Papier in die Walze und tippt den ersten Satz seines Berichts über den Hass: «This is a diary of hate.»


Subtiler und stilistisch raffinierter ist es, wenn man den Anfang ganz beiläufig einschmuggelt. Dostojewskij tut das in Verbrechen und Strafe. Der deutsche Text beginnt – deutlicher als im russischen Original – direkt mit dem Wort «Anfang»:

Vielleicht entgeht uns diese Finesse, haben wir sie jedoch erkannt, möchten wir zu gerne herauszufinden, ob der Autor den ersten Satz bewusst so inszeniert hat. Um den Beweis zu finden, blättern wir rasch an den Schluss des Romans und entdecken dort, dass der letzten Satz des Romans passenderweise mit dem Wort «Ende» schliesst.
Das könnte das Thema der neuen Geschichte werden – aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende.
Das ist vermutlich ein formaler Trick, den man (in Anlehnung an eine Formulierung von Vladimir Nabokov) «nur einmal in tausend Jahren» verwenden kann. Ganz so eng sehe ich das nicht. Aber man soll es auch nicht übertreiben.
Daniel Ammann, 31.8.2026

Fjodor Dostojewskij
Verbrechen und Strafe.
Aus dem Russischen von Swetlana Geier [1994].
Frankfurt/M.: S. Fischer, 2010. 767 Seiten.

Graham Greene
Das Ende einer Affäre.
Aus dem Englischen von Edith Walter [1998].
München: dtv, 2000. 245 Seiten.

Christopher Isherwood
A Single Man.
Aus dem Englischen von Thomas Melle.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2016. 160 Seiten.















