Size Matters

Size Matters

Auf die Grösse kommt es an. Das behauptet nicht nur die Wirtschaft, wo skaliert wird, damit die Gewinne superlinear ansteigen. Der Physiker Geoffrey West stiess in verschiedenen Lebensbereichen immer wieder auf erstaunliche Zusammenhänge und proportionale Gesetzmässigkeiten. So leben kleine und grosse Säugetiere zwar unterschiedlich lange, aber die Anzahl der Herzschläge über die gesamte Lebensdauer ist bei allen ungefähr gleich. West hat untersucht, was es mit Skalierung und «natürlichen» Grenzen auf sich hat. Warum wachsen wir irgendwann nicht mehr weiter? Warum können wir über hundert, aber nicht über tausend Jahre alt werden? In der Folge wollte er auch wissen, ob und wie sich diese Verhältnisse auf andere Gebiete übertragen lassen – Öko­systeme, Städte oder Unternehmen. Seine Erkenntnisse zu exponentiellem Wachstum und dessen Folgen für die Nachhaltigkeit sind wahre Augenöffner.

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Size Matters.»
Akzente 3 (2021): S. 38.
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Geoffrey West
Scale: Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen.
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt.
München: C. H. Beck, 2019. 479 Seiten.

Schachgeschichten

Schachgeschichten

«Ein Brett, das die Welt bedeutet.»
Neue Zürcher Zeitung 24.7.2021, S. 32–33.
 nzz.ch/feuilleton

Das Leben ist ein Spiel. So wird gern behauptet. Aber nach welchen Regeln wird hier gespielt? Mischt der Zufall die Karten oder haben wir unser Geschick wie im Schach selbst in der Hand? Das klassische Königsspiel mit seiner Kriegssymbolik taucht als Motiv in zahllosen Geschichten auf und bietet sich immer wieder als sinnfällige Metapher für die Welt an.

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Punktlandung

Punktlandung

Simon Hope, ein übergewichtiger Junge aus prekären Familienverhältnissen, wird von seinen Peers drangsaliert und zu allerlei Unfug angestiftet. Das grosse Los zieht er, als er die geheimen Ersparnisse seines spielsüchtigen Vaters auf ein Rennpferd setzt. Ohne Unterschrift eines Erwachsenen kommt der 14-Jährige allerdings nicht an seinem Gewinn. Jetzt sind erst recht alle hinter ihm her. Autor und Comiczeichner Martin Panchaud stellt mit seiner actionreichen Roadnovel alle Lesegewohnheiten auf den Kopf, denn er inszeniert die Coming-of-Age-Geschichte wie ein Videospiel aus Drohnenperspektive und rollt die aberwitzige Handlung in Form von Piktogrammen, stilisierten Aufsichten und eingestreuten Infografiken ab. Dass dies funktioniert und die Leserinnen und Leser emotional mitreisst, verdankt die virtuose Graphic Novel nicht zuletzt den filmreifen Dialogen in der Übersetzung von Christoph Schuler. Die Farbe der Dinge ist ein schwindelerregender Parforce-Ritt, der nicht nur unter die Netzhaut geht.

Daniel Ammann, 29.5.2021

«Visuelle Verfolgungsjagd.»
Akzente 2 (2021): S. 38.
 blog.phzh.ch/akzente/2021/05/27/visuelle-verfolgungsjagd
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Laudatio anlässlich der Preisverleihung des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021 im Stadttheater Solothurn. 43. Solothurner Literaturtage, Samstag, 15. Mai 2021.


Martin Panchaud
Die Farbe der Dinge.
Aus dem Französischen von Christoph Schuler.
Zürich: Edition Moderne, 2020. 228 Seiten.

Kindheitserinnerungen

Kindheitserinnerungen
 

Das Verwunderliche an der Kindheit ist, dass sie noch keine Sprache hat. Wer später zurückblickt, um die frühen Jahre einzufangen, muss dafür erst Worte und Bilder finden. Erschwerend kommt hinzu, dass auf Erinnerung kein Verlass ist. Für das Gedächtnis sei nicht die Wahrheit am wichtigsten, sinniert der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård in Spielen (btb 2015), dem dritten Band seines autobiografischen Projekts. Anders als der deutsche Titel vermuten lässt, bestehen die Tage der Kindheit nicht nur aus Spiel und Abenteuer. Oft fliessen sie zäh dahin und sind überschattet von unergründlichen Ängsten.   

Während bei Knausgård die drohende Vaterfigur das Fühlen und Denken des Jungen beherrscht, ist es bei der dänischen Autorin Tove Ditlevsen die Beziehung zur unnahbaren Mutter. «Sie war fremd und geheimnisvoll», erinnert sie sich in Kindheit (Aufbau 2021), und stellt sich vor, sie sei als Säugling vertauscht worden. Mit unsentimentaler Lakonie schildert sie im ersten Teil ihrer Kopenhagen-Trilogie, wie es sich anfühlt, seine eigene Wahrheit und die innere Poesie vor der groben Welt der Erwachsenen zu schützen. 

Selbst eine nahezu unbeschwerte Kindheit auf dem Land kann im späteren Leben verstörend nachhallen, wenn sie gewaltsam beendet wird. Davon erzählt Rolf Lapperts eindringlicher Roman über vier «befreite» Kommunenkinder. Leben ist ein unregelmässiges Verb (Hanser 2020) zeichnet ihre Schicksale in einem aufwühlenden Panorama nach und (re-)flektiert Gegenwart und Zukunft durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort. 

Daniel Ammann,  27.5.2021

«Kindheit im Rückspiegel.»
Akzente 2 (2021): S. 39.
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Karl Ove Knausgård
Spielen.
Aus dem Norwegischen von Paul Berf.
München: btb Verlag, 2015. 573 Seiten.

Tove Ditlevsen
Kindheit.
Aus dem Dänischen und mit einem Nachwort von Ursel Allenstein.
Berlin: Aufbau Verlag, 2021. 118 Seiten.

Rolf Lappert
Leben ist ein unregelmässiges Verb.
München: Hanser, 2020. 976 Seiten.

Grosse Brüder, kleine Brüder …

Grosse Brüder, kleine Brüder …

«Orwells Zukunft ist längst Gegenwart.»
Neue Zürcher Zeitung 8.4.2021, S. 30.
 nzz.ch/feuilleton/

Den Klassiker «1984» gibt es nun auch als Jugendroman und als Graphic Novel. Seine düsteren Szenarien haben aber auch andere Autorinnen und Autoren inspiriert.


George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Karsten Singelmann. rororo rotfuchs. Hamburg: Rowohlt, 2021. 416 Seiten. Ab 14 Jahren.


Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa: 1984. Nach George Orwell. Graphic Novel. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Knesebeck, München 2021. 128 Seiten.


Philip Kerr: 1984.4. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Mit einem Nachwort von Christiane Steen. rororo rotfuchs. Hamburg: Rowohlt, 2021. 320 Seiten. Ab 14 Jahren.

   
Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch. München: Piper, 2020. 416 Seiten.


Renée Nault: Der Report der Magd. Nach Margaret Atwood. Graphic Novel. Aus dem Englischen von Ebi Naumann. Berlin: Berlin Verlag, 2019. 240 Seiten.

   
Cory Doctorow: Little Brother. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011 (2010). 492 Seiten. Ab 14 Jahren.
Neuausgabe unter dem Titel: Little Brother – Aufstand.
Mit einem Vorwort von Edward Snowden.
München: Heyne, 2021. 448 Seiten.


Cory Doctorow: Little Brother
– Homeland. Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka. München: Wilhelm Heyne, 2013.
Neuausgabe unter dem Titel: Little Brother – Revolution.
München: Heyne, 2021. 480 Seiten.


Cory Doctorow: Little Brother – Sabotage. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. München: Heyne, 2022.

Pinocchio

Pinocchio

«Menschliche Marionette.»
«Es war einmal …» – So beginnt für gewöhnlich das Märchen. Auch Carlo Collodis Pinocchio (Anaconda, 2011) setzt mit dieser Formel ein. Aber der Erzähler hält inne und belehrt sein junges Publikum, dass dieses Märchen nicht mit einem König, sondern einem Stück Holz an­fängt. Seit seiner Entstehung als Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1881 hat das Lehrstück von der grimmigen Holzpuppe nichts von seiner schaurigen Faszination eingebüsst und lebt als Parabel von der Menschwerdung in vielen Erzählungen fort.

Nach zahllosen Medien­adaptionen und Umarbeitungen des Stoffes kehrt Regisseur Matteo Garrone mit seinem Pinocchio (2019) zu Collodis Original zurück und präsentiert die ergreifende Geschichte in poetischen Bildern, ohne die Brutalitäten auszusparen. Roberto Benigni, der 2002 in seiner Komödie noch selber den frechen Hampelmann mimte, schlüpft hier in die Rolle des armen Holzschnitzers Geppetto und überzeugt als zärtlicher und nachsichtiger Vater. Aber Wahrheit, Treue und Dankbarkeit sind dem unfolg­samen Pinocchio fremd. Immer wieder lässt er sich von Launen und schlechten Gesellen vom Weg abbringen, bis er geläutert und zum richtigen Jungen wird.

Hier endet die Geschichte, aber in seinem märchenhaften Kinderroman Der junge mit dem Herz aus Holz (Fischer, 2014) greift der irische Schriftsteller John Boyne die Fäden noch einmal auf. Als der achtjährige Noah von zu Hause wegläuft, weil seine Mutter im Sterben liegt, landet er in einem magischen Spielzeugladen voller Marionetten, dessen kauziger Besitzer sich am Ende als der alte Pinocchio entpuppt. 

Daniel Ammann, 28.2.2021


Akzente 1 (2021): S. 39.
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Carlo Collodi
Pinocchio.
Aus dem Italienischen von Paul Artur Eugen Andrae.
Köln: Anaconda, 2011. 288 Seiten.

Pinocchio.
Italien/Frankreich/Grossbritannien 2019. Regie: Matteo Garrone.

John Boyne
Der Junge mit dem Herz aus Holz. Ein Märchen.
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. Mit Bildern von Olier Jeffers.
Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch, 2014. 237 Seiten. Ab 10 Jahren.

Magoria by Daniel Ammann