«Wer die Wahrheit liebt, dem darf auch die Lüge nicht fremd sein …» Brandaktuelle Nachforschungen zum Fälscher Roman Ingold Schuenze (1846 bis 1917).
Von Daniel Ammann und Jürg Seiberth.
Erschienen in: Variations: Literaturzeitschrift der Universität Zürich 5 (2000) zum Thema «Fälschungen»: S. 157–166.
Roman Ingold Schuenze (1846–1917) lebte von 1870 bis zu seinem Tod in Hochwald, Kanton Solothurn. Hier betätigte er sich als Knecht, als Heilkundiger und als Literat. Seine schriftstellerische Hinterlassenschaft wurde 1925 von seiner Enkelin Olivia Schuenze entdeckt, die zum Gedenken an ihren Grossvater ein kleines Museum einrichtete. Die Schuenze-Forschung gestaltet sich deshalb schwierig, weil sämtliche Werke des Autors anonym bzw. unter Pseudonymen oder Allonymen erschienen sind und weil gegenwärtig noch grosse Teile der Tagebücher sowie der Korrespondenz unter Verschluss gehalten werden. Die vorliegende Arbeit berichtet von einem ersten wissenschaftlichen Augenschein vor Ort.
Sampeln, abschreiben, covern und remixen. Sieht so die neue Kreativtiät aus? In einer Erzählung von Jorge Luis Borges schreibt Pierre Menard den Don Quijote Wort für Wort neu. Die Doppelschöpfung ist textlich nicht vom Original zu unterscheiden, wirkt aber postmodern raffiniert. Wie wir kreativ unkreativ mit dem kulturellen Erbe umgehen können, beleuchtet der konzeptionelle Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith in seinem provokativen Essayband Uncreative Writing (Matthes & Seitz 2017). Von seinen Studierenden verlangt er einen Leistungsnachweis, den sie nicht selbst formulieren. Vielmehr müssen sie sich Bestehendes kreativ zu eigen machen. Goldsmith selber hat in einer Aktion die täglichen Wetterprognosen der New York Times abgetippt und als Buch herausgebracht.
Auch der jugendliche Protagonist in Cory Doctorows Roman Pirate Cinema (Heyne 2014) montiert Filmclips zu hintersinnigen Mashups. Die Meisterwerke stossen auf Anklang, sorgen bei den Gesetzeshütern aber für Ärger. Der Regisseur ohne Kamera taucht ab und setzt seinen Kampf für faire Nutzungsrechte aus dem Untergrund fort. «Schafft eure eigene Kunst. Kreativität heisst nur zu vereinen, was noch niemand bisher vereint hat.»
Weniger riskant geht Regisseur Carl Reiner ans Werk. Für seinen Spielfim Dead Men Don’t Wear Plaid (USA 1982; dt. Tote tragen keine Karos) hat er sich bei 18 Klassikern aus den 40er- und 50er-Jahren bedient und die Ausschnitte mit einer parodistischen Handlung kombiniert. Die kreative Rekontextualisierung haucht den Versatzstücken neues Leben ein. Das ist nicht nur witzig und frech, sondern durchaus erlaubt.
Kenneth Goldsmith Uncreative Writing: Sprachmanagement im digitalen Zeitalter. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein. Berlin: Matthes & Seitz, 2017. 352 Seiten.
Cory Doctorow. Pirate Cinema. Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka. München: Wilhelm Heyne, 2014. 510 Seiten. Ab 14 Jahren.
Dead Men Don’t Wear Plaid. USA 1982. Regie: Carl Reiner.
Rätsel wollen gelöst, Geheimnisse gelüftet werden. Aus dieser Faszination entstehen Geschichten. Im 19. Jahrhundert hat sich mit dem Kriminal- und Detektivroman ein Genre entwickelt, das Leserinnen und Leser bis heute fesselt. Aber nicht immer sind Detektive am Werk, und manchmal bleibt uns die Klärung des Verbrechens versagt.
«Familiengeheimnisse und andere Verbrechen: Charles Dickens und der ungelöste Fall des Edwin Drood.» ph akzente 2 (2012): S. 12–15. Download
The Mystery of Edwin Drood. Grossbritannien (BBC) 2012. Regie: Diarmuid Lawrence. Drehbuch: Gwyneth Hughes.
Charles Dickens Das Geheimnis des Edwin Drood. Aus dem Englischen von Burkhart Kroeber. Fortgeschrieben und zu Ende geführt von Ulrike Leonhardt. Zürich: Manesse, 2011. 768 Seiten.
Dan Simmons Drood. Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader. München: Wilhelm Heyne, 2011. 976 Seiten.
Wenn wir auf ein bisher unentdeckt gebliebenes Tal oder, besser noch, einen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems stiessen, dessen Bewohner sich nicht mit Lauten, sondern ausschliesslich durch visuelle Zeichen verständigen, unsere Aufmerksamkeit würde sich voller Neugier auf diese Welt und ihre geheimnisvolle Sprache richten. – Aber nicht nur Raum und Zeit, auch Begriffe wie Kultur oder Behinderung unterliegen dem Relativitätsgesetz.
Was wir Hörenden von den Gehörlosen und ihrer Lebensweise wissen, ist in der Regel dürftig, oft von falschen Vorstellungen geprägt und ganz selten aus erster Hand. Ein paar eindrückliche Filme gibt es schon, aber man kann sie an einer Hand abzählen. Wenn Hörende die Hand im Spiel haben, ist meist von «Problemfällen» die Rede, selten von einer ausgeprägten Kultur oder der Schönheit visuell-gestischer Kommunikation.
Der Schweizer Dokumentarfilm Tanz der Hände, den Phil Dänzer (schwerhörig) mit den beiden Gehörlosen Peter Hemmi und Enrico de Marco (Kamera) realisiert hat, spricht da eine andere Sprache. Der Film versteht sich als Liebeserklärung an die Gebärdensprache, welche in der Kultur der Gehörlosen eine zentrale und lebenswichtige Rolle spielt. Er wirft Streiflichter auf eindrückliche Schauplätze im In- und Ausland, wo mit Gebärdensprache gelebt und gearbeitet wird, und gewährt uns Einblick in die Erforschung der Gehörlosengeschichte und der Gebärdensprache, in bilinguale Erziehung und künstlerische Aktivitäten wie Tanz, Theater und Gebärdenpoesie. Unterstrichen und begleitet werden die Beispiele durch die unaufdringliche Musik von Pierre Favre.
Die behende (nach neuer Rechtschreibung: «behände») Sprache der Gehörlosen erweist sich dabei als eigenständige und differenzierte Sprache, deren Ausdrucksform optimal auf die visuelle Wahrnehmung abgestimmt ist und die in ihrer Leistungsfähigkeit der Lautsprache in nichts nachsteht.
Daniel Ammann, 14.4.1998
Ab 2. Mai zeigt das Kinok den Film Tanz der Hände jeweils donnerstags um 20.30 Uhr und samstags um 19.00 Uhr.
Als Ergänzung und zur Vertiefung des Films laden der Gehörlosenclub St. Gallen und die Beratungsstelle für Gehörlose am Dienstag, 26. Mai, um 20.00 Uhr zu einer Begegnung in der Offenen Kirche St. Leonhard ein. Gehörlose Menschen werden dabei von ihrer Kultur, ihrem Alltag, den Kommunikationsmöglichkeiten und der Gebärdensprache erzählen.
Saiten: St. Galler Kulturmagazin (Mai 1998): S. 57. Download (e-periodica.ch)
textín – Das Magazin der Schreibszene Schweiz 3 (2009): S. 31. Download
Ende. Schluss. Fertig. Aus!
So wollte ich schon immer einen Text beginnen. Mit einem Knall, nicht mit Gewinsel.
Die erste Zeile geht zum Angriff über, packt die Leser am Schopf.
Aller Anfang ist leicht. Auch wenn das Sprichwort am Gegenteil festhält.
Aber jetzt wie weiter?
Jagt uns gleich jemand eine Kugel in den Kopf oder springt von der Brücke, um im freien Fall sein verpatztes Leben auszubreiten? Oder war’s das etwa? Ist das Pulver bereits verschossen?
Die ganze Arbeit liegt noch vor uns – eine überhängende Felswand, die in den Himmel ragt, ein tobendes Meer, das es schreibend zu durchqueren gilt.
«Nennt mich Ismael», hebt Herman Melville heroisch an und lässt einen wuchtigen Wal aus den Wellen brechen.
«Nennt mich Smitty», parodiert Philip Roth und pfeffert uns den Grossen amerikanischen Roman wie einen Baseball um die Ohren.
Anfänge haben’s in sich. Wer grossspurig auftrumpft, darf sich nicht mit einem schlechten Blatt in der Hand erwischen lassen. Aber keine Angst. Wenn Sie den ersten Satz schreiben, haben Sie schon zig Anfänge hinter sich. Nehmen Sie ruhig einen von denen und schreiben Sie dort weiter:
Mein Vater war ein Bauerssohn … (Gottfried Keller, Der grüne Heinrich)
Mein Vater war ein Kaufmann (Adalbert Stifter, Der Nachsommer)
Mein Vater war ein Gartenzwerg … (Kathrin Röggla, Abrauschen)
Mein Vater war ein Kommunist (Urs Widmer, Das Buch des Vaters)
Mein Vater war Totengräber (Maarten 't Hart, Der Flieger)
Beginnen Sie. Legen Sie einfach los. Machen Sie wenigstens einen Anfang.