«Bastardwendungen oder cooles Alltagsdeutsch? Wie Synchronesisch unsere Sprache beeinflusst.» Sprachspiegel 1 (2024): S. 2–19. Open Access (PDF) unter: zenodo.org/records/19628542
Im «Sprachspiegel» (1/2024, S. 2–19) habe ich mich mit dem Phänomen «Synchronesisch» (engl. dubbese) und seinen Wechselwirkungen mit der Alltagssprache (und dem, was Eike Schönfeld «Bastardwendungen» nennt) auseinandergesetzt. Dabei werfe ich am Beispiel einer Episode aus der Netfllix-Serie Designated Survivor (2016–2019) auch einen vergleichenden Blick auf die Untertitelung und schaue mir an, wie die literarischen Übersetzer:innen von J. D. Salingers Klassiker The Catcher in the Rye (1951) mit dem Wörtchen «okay» umgehen.
Alberto Manguel Fabelhafte Wesen: Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde. Aus dem Englischen von Achim Stanislawski. Mit Zeichnungen des Autors. Zürich: Diogenes, 2022. 255 Seiten.
Als Jugendliche war Mélanie von der Reality-Show «Big Brother» fasziniert, heute hat sie auf Youtube fünf Millionen Abonnent:innen und vermarktet via Instagram ihre Familie. Ihre beiden Kinder leben in einem permanenten Werbespot und kennen keine Privatsphäre. Mit Die Kinder sind Könige (Dumont, 2022) packt Delphine de Vigan ein brisantes Thema an. Was wie ein Krimi mit einem Entführungsfall beginnt, mündet in ein Plädoyer für Kinderrechte.
Auch Dieser Beitrag wurde entfernt (Hanser, 2022) von Hanna Bervoets wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen unserer Mediengesellschaft. Die Ich-Erzählerin Kayleigh arbeitet als Content-Moderatorin und muss in Akkordzeit verstörende Inhalte aus dem Internet löschen. Trotz strengen Richtlinien keine einfache Aufgabe. Wenn sich jemand in einem Kindergarten in die Luft sprengt, muss das Video entfernt werden – und zwar «aufgrund des Verbots terroristischer Propaganda, nicht etwa, weil es sich um Gewalt oder Kindesmisshandlung handelt».
Gut denkbar, dass auch das Video der Protagonistin in Julia von Lucadous Tick Tack (Hanser, 2022) auf Kayleighs Monitor landen würde. Darin kündigt die 15-jährige Mette an, dass sie sich gleich auf die U-Bahn-Gleise legt …
Die drei Romane zeigen, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern hautnah das Zeitgeschehen und unseren ambivalenten Umgang mit Medien einfängt. – Daniel Ammann
Literaturangaben
Delphine de Vigan Die Kinder sind Könige. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Köln: Dumont, 2022. 320 Seiten.
Hanna Bervoets Dieser Beitrag wurde entfernt. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Berlin: Hanser, 2022. 112 Seiten.
Julia von Lucadou Tick Tack. Berlin: Hanser, 2022. 256 Seiten.
1996 ist das Internet noch eine Wüste. Kein Google, kein Wikipedia, ganz zu schweigen von Youtube, Social Media oder Netflix. Als die 16-jährige Emma von ihrem Vater ihren ersten Computer und von Nachbarsfreund Josh einen AOL-Zugang bekommt, gibt es im Netz also noch nicht viel zu sehen. Aber Emma macht eine ungeheure Entdeckung.
Auf einer Website namens Facebook stösst sie auf das Profil ihres älteren Ichs. Das Verrückte daran ist, dass sich die Angaben laufend verändern. Gemeinsam mit Josh, der in 15 Jahren offenbar mit der reichen Highschoolschönheit verheiratet ist, versucht sie dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Wie soll man sich verhalten, wenn jeder kleinste Schritt extreme Auswirkungen auf die Zukunft hat und man alles in Echtzeit verfolgen kann? In seinem Jugendroman, der abwechselnd aus Emmas und Joshs Perspektive erzählt, verknüpft das Autorenduo Mediengeschichte mit spekulativen Zukunftsversionen. Das regt zum Nachdenken und Fantasieren an. – Daniel Ammann
Jay Asher und Carolyn Mackler Wir beide, irgendwann. Aus dem Englischen von Knut Krüger. München: cbj, 2014. 400 Seiten. Ab 12 Jahren.
Soll man irgendwann aufhören, den zahlreichen Neuerscheinungen hinterherzuhetzen, und sich stattdessen auf das Wiederlesen vertrauter Bücher verlegen? So wie man nicht zwei Mal in den gleichen Fluss steigt, verhält es sich auch mit Lektüren.
Davon erzählt die passionierte Wiederholungsleserin und Autorin Vivian Gornick in Offene Fragen (Penguin, 2022). Wenn sie nach Jahren erneut zum gleichen Buch greift, haben sich die Zeichen auf dem Papier nicht verändert. Vielmehr spiegelt sich im alten Text ein neues Ich und lässt die Leserin in der aktuellen Lebensphase eine andere Geschichte entdecken.
Von intimen und erhellenden Begegnungen mit Texten berichten auch die vierundzwanzig Autorinnen und Autoren in Warum Lesen: Mindestens 24 Gründe (Suhrkamp, 2020; herausgegeben von Katharina Raabe und Frank Wegner). Lesen trennt und verbindet, betont etwa Annie Ernaux. Es koppelt uns vom Alltag ab, lässt fremde Stimmen ins Bewusstsein ein. Gleichzeitig rückt uns Literatur der Welt näher, denn sie gewährt Einblicke ins Leben, Denken und Fühlen von anderen und verschafft vielfältige ästhetische und verdichtete Erfahrungen.
Wiederlesen lohnt sich. Das mag einer der Gründe sein, weshalb die befragten Schriftstellerinnen und Schriftsteller in François Armanets Bücher für die einsame Insel (Atlantik, 2017) lauter Titel nennen, die sie bereits kennen. Salman Rushdie entscheidet sich wenig überraschend für «Tausendundeine Nacht». Und für Margaret Atwood ist es an der Zeit, wieder einmal «Moby Dick» zu lesen, weil dieser Roman für sie alle zehn Jahre einen neuen Sinn erhält.
Daniel Ammann, 25.11.2022
«Auf Wiederlesen.» Akzente 4 (2022): S. 39. Download
Literaturangaben
Vivian Gornick Offene Fragen: Notizen einer passionierten Wiederholungsleserin. Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao. München: Penguin, 2022. 173 Seiten.
Warum Lesen: Mindestens 24 Gründe. Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Katharina Raabe und Frank Wegner. Berlin: Suhrkamp, 2020. 347 Seiten.
François Armanet Bücher für die einsame Insel. Aus dem Französischen, Englischen und Spanischen von Claudia Steinitz und Angela Volknant. Hamburg: Atlantik, 2017. 215 Seiten.
Sind wir gewappnet für den Blackout? Ein Stromausfall legt alles lahm. Lancelot von Nasos Miniserie Blackout (2021, nach der Romanvorlage von Marc Elsberg) führt realitätsnah vor Augen, wie schnell in Ausnahmesituationen Zerstörung und Ohnmacht um sich greifen. Trotz hehrer Prinzipien sind wir nur einen Schritt von der Barbarei entfernt. Seine Geschichte sei Fiktion, betont Marc Elsberg im Nachwort seines Wissenschaftsthrillers (Blanvalet 2021). Aber während der Arbeit am Text sei die Wirklichkeit mehrmals von der Realität eingeholt worden.
Vergleichsweise ruhig beginnt es in Don DeLillos Roman Die Stille (Kiepenheuer & Witsch 2020). In einer New Yorker Wohnung wartet eine kleine Gruppe auf die Direktübertragung des Endspiels der American Football-League. Dann wird der Bildschirm schwarz. Über das Ausmass der Störung können die Anwesenden nur spekulieren. Denn ohne Strom sind sie von jeglicher Information abgeschnitten. Super-GAU statt Super Bowl?
Science-Fiction-Filme und Fernsehserien haben schon sämtliche Ursachen und Schreckensszenarien durchgespielt: Kriege, Meteoriten, Pandemien, Naturkatastrophen ebenso wie technische Pannen, menschliches Versagen oder Cyberangriffe. In seiner Studie Blackout – nichts geht mehr (Schüren 2022) hat der Medien- und Filmwissenschaftler Denis Newiak an die hundert Produktionen unter die Lupe genommen. Er zeigt auf, welche Erkenntnisse sich aus populärkulturellen Fiktionen ableiten lassen und präsentiert am Schluss eine praktische Checkliste, wie wir uns am besten auf den realen Blackout vorbereiten.
Daniel Ammann, 25.8.2022
«Wenn die Lichter ausgehen.» Akzente 3 (2022): S. 39. Download
Blackout. Deutschland 2021. Miniserie, 6 Folgen. Regie: Lancelot von Naso.
Marc Elsberg Blackout: Morgen ist es zu spät. München: Blanvalet, 2021. 896 Seiten.
Don DeLillo Die Stille. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2020. 112 Seiten.
Denis Newiak Blackout – Nichts geht mehr: Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Marburg: Schüren Verlag, 2022. 252 Seiten.