Erzählen in Folge

Erzählen in Folge

Serien zeichnen sich als medienübergreifendes Phänomen primär durch ihren Programmcharakter aus. Ob Buch- oder Filmzyklus, Heftroman, Comic-Serie, TV-Mehrteiler, Daily Soap, Krimi-Reihe oder Familiensaga als prime time serial spielt keine Rolle. Unabhängig von Inhalt oder medialer Gattung steht vielmehr die sequenzielle Darbietungsform mit mehreren Folgen im Vordergrund. 

Neben der protoypischer Episodenserie (mit abgeschlossener Folgenhandlung) und der episch angelegten Fortsetzungsserie (mit episoden- und staffelübergreifenden Handlungsbögen) existiert seit den Anfängen der Fernsehgeschichte bereits ein drittes Programm­format, das etwas aus der Reihe tanzt: die Anthologie­serie. Diesem Sonderfall narrativer Reihung, seiner Systematik und der Analyse exemplarischer Spielarten widmet sich der von Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg herausgegebene Sammelband mit zwölf Beiträgen. 

Unter dem Label Anthologieserie – wie die Bezeichnung in Anlehnung an literarische Textsammlungen nahelegt – werden Geschichten als unabhängige Einzelfolgen präsentiert oder bilden abgeschlossenen Staffeln aus mehreren Episoden. Wie in der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror wechseln Handlungsschauplätze, Plot und Personal entweder von Folge zu Folge oder ändern von Staffel zu Staffel wie etwa bei den US-amerikanischen Krimiserien Fargo und True Detective

Die für Episoden- und Fortsetzungsserien typischen Techniken  und Erzählmuster kommen demnach nur bedingt zum Einsatz. Parasoziale Beziehungen zu vertrauten Figuren oder mitwirkenden Schau­spieler:in­nen bleiben auf eine einzelne Episode oder Staffel beschränkt. Auch der Spannungsdramaturgie oder dem Einsatz bewährter Cliffhanger sind engere Grenzen gesetzt, da am Ende  einer eigenständigen Episode oder zum Staffelfinale keine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird. 

Damit das Ganze dennoch als Serie funktionieren und ein Stammpublikum ansprechen kann, braucht es offensichtlich andere Anreize und Qualitäten. «Anthologieserien konstituieren Kohärenz und Äquivalenz nicht über die Konstanz ihrer Figuren und Diegesen und auch nicht über mehrere Staffeln sukzessiv verlaufender Narrative, sondern auf subtileren formseitigen Wegen», halten die Herausgeber:innen in der Einleitung fest. In Kompilationen aus heterogenen Geschichten spielen thematische Sujets, Erzähl­atmosphäre oder wiederkehrende Figurentypen und Motive viel eher eine Rolle. Aber auch formale und gestalterische Elemente wie narrative Rahmung, Intertextualität, Kamera- und Schnitttechnik oder ein markantes Sounddesign dürften die serielle Machart unterstreichen und beim Publikum für besondere Attraktivität sorgen. 

 Daniel Ammann, 24.8.2023


«Erzählen in Folge.»
Akzente 3 (24.8.2023).
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Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg, Hrsg.
Anthologieserie: Systematik und Geschichte eines narrativen Formats.
Marburg: Schüren Verlag, 2022. 270 Seiten.

Wunderjahr 1922

Wunderjahr 1922

1922 gilt als Annus mirabilis der Literatur. Der Ulysses von James Joyce und T. S. Eliots The Waste Land werden in einem Atemzug genannt. Innovativ, experimentell und in ihrer Vielstimmigkeit modern muten diese Titel heute noch an. So auch Mrs. Dalloway. Virginia Woolfs Roman erscheint zwar drei Jahre später, aber seine Entstehung fällt ebenfalls ins Jahr 1922. Dank der frischen Übersetzung von Melanie Walz darf dieses Meisterwerk nun wieder neu entdeckt werden (Manesse, 2022).

In seinem erzählenden Sachbuch 1922 (Luchterhand, 2022) nimmt Norbert Hummelt neben Joyce, Eliot und Woolf auch den damals im Wallis lebenden Dichter Rainer Maria Rilke in den Blick. In einem kalendarischen Kaleidoskop fügt Hummelt biografische Momentaufnahmen zu Mosaiken zusammen und lässt uns hautnah ins Wunderjahr der Worte eintauchen.

Wer hätte geahnt, dass sich 100 Jahre später noch ein Schweizer dazugesellt – kurz nachdem man die Zweihunderternote mit seinem Konterfei aus dem Verkehr gezogen hat. Sturz in die Sonne (Limmat, 2023) des Waadtländer Autors C. F. Ramuz erscheint jetzt erstmals auf Deutsch. Dass Ramuz damit den Klimaroman vorwegnehme, stimmt nur bedingt. Die apokalyptische Geschichte handelt eher von der in atavistische Aggression umschlagenden Apathie der Menschen im Angesicht des Todes. Durch einen Unfall im Gravitationssystem gerät die Erde aus ihrer Umlaufbahn und nimmt Kurs auf die Sonne.

Daniel Ammann, 24.8.2023

«Wunderjahr.»
Akzente 3 (2023): S. 35.
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Literaturangaben

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway.
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
München: Manesse, 2022. 400 Seiten.

Norbert Hummelt
1922.
München: Luchterhand, 2022. 416 Seiten.

C. F. Ramuz
Sturz in die Sonne.
Übersetzt von Steven Wyss.
Zürich: Limmat, 2023. 192 Seiten.

Neue Briefromane

Neue Briefromane

Der Briefroman feiert ein Comeback und schlägt mit digitalem Pingpong ein zeitgemässes Tempo an. Daniel Glattauers E-Mail-Romanze Gut gegen Nordwind hat es inzwischen ins Kino und zu Netflix geschafft (Vanessa Jopp, 2019).

Ein schonungslos ehrlicher Briefwechsel, so heisst es in Zwischen Welten von Juli Zeh und Simon Urban, sei eine interessante Sache, man lerne eine Menge über sich selbst und die anderen (Luchterhand, 2023). Das gilt, wie der unzimperliche Titel vermuten lässt, auch für Liebes Arschloch von Virginie Despentes (Kiepenheuer & Witsch, 2023). Da wie dort nehmen die Figuren kein Blatt vor den Mund und verhandeln persönliche Midlife-Krisen und gesellschaftliche Themen unserer Zeit mit gnadenloser Direktheit.

Ebenso frisch und frech, aber weniger abgeklärt klingt es in Holly Goldberg Sloans und Meg Wolitzers turbulentem Jugendroman An Nachteule von Sternhai (Hanser, 2019). «Ich kenne dich nicht», beginnt die abenteuerlustige Bett ihre Mail an die altkluge und von Lebensängsten geplagte Avery. «Aber ich schreibe dir trotzdem.» Tatsächlich dreht sich zu Beginn alles darum, dass die zwölfjährigen Girls nichts miteinander zu tun haben wollen. Nur weil ihre alleinerziehenden Väter sich ineinander verliebt haben, muss das noch lange nicht bedeuten, dass die beiden Töchter sich kennenlernen und gleich Schwestern werden wollen. Ein fulminanter Auftakt, der hält, was er verspricht.

Daniel Ammann, 17.5.2023

«E-Mails à gogo.»
Akzente 2 (2023): S. 35.
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Literaturangaben

Gut gegen Nordwind.
Regie: Vanessa Jopp.
Deutschland 2019.
DVD Sony Pictures Home Entertainment und Netflix.

Juli Zeh und Simon Urban
Zwischen Welten.
München: Luchterhand Literaturverlag, 2023. 446 Seiten.

Virginie Despentes
Liebes Arschloch.
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger und Tatjana Michaelis.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 336 Seiten.

Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer
An Nachteule von Sternhai.
Aus dem Englischen v. Sophie Zeitz.
München: Hanser, 2019. 288 Seiten. / München: dtv, 2021.
Ab 11 Jahren.

Synchronesisch

Synchronesisch

«Bastardwendungen oder cooles Alltagsdeutsch? Wie Synchronesisch unsere Sprache beeinflusst.»
Sprachspiegel 1 (2024): S. 2–19. 
Open Access (PDF) unter: zenodo.org/records/19628542

Im «Sprachspiegel» (1/2024, S. 2–19) habe ich mich mit dem Phänomen «Synchronesisch» (engl. dubbese) und seinen Wechselwirkungen mit der Alltagssprache (und dem, was Eike Schönfeld «Bastard­wendungen» nennt) auseinandergesetzt. Dabei werfe ich am Beispiel einer Episode aus der Netfllix-Serie Designated Survivor (2016–2019) auch einen vergleichenden Blick auf die Untertitelung und schaue mir an, wie die literarischen Übersetzer:innen von J. D. Salingers Klassiker The Catcher in the Rye (1951) mit dem Wörtchen «okay» umgehen.

Mehr zum Thema

 

Keine heile Welt

Keine heile Welt

«Keine heile Welt.»
Akzente 4 (2022): S. 39.
blog.phzh.ch/akzente/2023/02/24/keine-heile-welt
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Als Jugendliche war Mélanie von der Reality-Show «Big Brother» fasziniert, heute hat sie auf Youtube fünf Millionen Abonnent:innen und vermarktet via Instagram ihre Familie. Ihre beiden Kinder leben in einem permanenten Werbespot und kennen keine Privatsphäre. Mit Die Kinder sind Könige (Dumont, 2022) packt Delphine de Vigan ein brisantes Thema an. Was wie ein Krimi mit einem Entführungsfall beginnt, mündet in ein Plädoyer für Kinderrechte.

Auch Dieser Beitrag wurde entfernt (Hanser, 2022) von Hanna Bervoets wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen unserer Mediengesellschaft. Die Ich-Erzählerin Kayleigh arbeitet als Content-Moderatorin und muss in Akkordzeit verstörende Inhalte aus dem Internet löschen. Trotz strengen Richtlinien keine einfache Aufgabe. Wenn sich jemand in einem Kindergarten in die Luft sprengt, muss das Video entfernt werden – und zwar «aufgrund des Verbots terroristischer Propaganda, nicht etwa, weil es sich um Gewalt oder Kindesmisshandlung handelt».

Gut denkbar, dass auch das Video der Protagonistin in Julia von Lucadous Tick Tack (Hanser, 2022) auf Kayleighs Monitor landen würde. Darin kündigt die 15-jährige Mette an, dass sie sich gleich auf die U-Bahn-Gleise legt …

Die drei Romane zeigen, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern hautnah das Zeitgeschehen und unseren ambivalenten Umgang mit Medien einfängt.
– Daniel Ammann

Literaturangaben

Delphine de Vigan
Die Kinder sind Könige.
Aus dem Französischen von Doris Heinemann.
Köln: Dumont, 2022. 320 Seiten.

Hanna Bervoets
Dieser Beitrag wurde entfernt.
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
Berlin: Hanser, 2022. 112 Seiten.

Julia von Lucadou
Tick Tack.
Berlin: Hanser, 2022. 256 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann