Romantherapie für Kinder

Lesen hilft. Noch besser ist es, wenn einem das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt in die Hände fällt. Aus diesem Grund haben Ella Berthoud und Susan Elderkin vor Jahren schon eine Romantherapie entwickelt und in Zusammenarbeit mit Traudl Bünger für den deutschen Sprachraum einen ersten Leitfaden in Buchform veröffentlicht. Damit nun auch Kinder in den Genuss der passenden Lektüre kommen, stellen die Autorinnen in ihrem Nachfolgeband 233 ausgesuchte Titel vor, «die Kinder glücklich, gesund und schlau machen». Aufgebaut ist Die Romantherapie für Kinder wie ein medizinisches Handbuch: Man schlägt das jeweilige «Leiden» nach und erhält Anregungen für ein oder zwei Bücher, die das Thema in einer Geschichte für junge Leserinnen und Leser behandeln. 

Kinder brauchen Geschichten. Die Idee ist nicht neu, aber im Zeitalter digitaler und audiovisueller Zerstreuung muss man für die Aufmerksamkeit eine Lanze brechen. Wenn es um die Hingabe und das Eintauchen in eine Geschichte geht, steht das Lesen fast an erster Stelle. Nicht nur das Tempo lässt sich anpassen, man wird auch nicht von unliebsamen Bildern überrumpelt und kann jederzeit eine Pause einlegen, um über das Geschehen und seine Hintergründe nachzudenken. 

Therapievorschläge – das klingt auf den ersten Blick defizitorientiert oder nach Lese-Apotheke. So ist es bestimmt nicht gemeint, wie die zum Teil ironisch gefassten «Leiden» verdeutlichen. Vielmehr wird in lustvoller Weise für das Lesen und Vorlesen geworben und auf fesselnde und fantasievolle Geschichten hingewiesen. Buchstabensymbole am Rand geben jeweils an, ob es sich bei den Titeln um Bilderbücher, Texte für Anfänger, junge Leserinnen oder Teenagerliteratur handelt. Von A wie Abenteuerlust bis Z wie Zwilling findet sich fast alles. Zudem enthält die Sammlung ein Dutzend erfrischende Tipps für spezielle «Leseleiden» sowie 74 thematische Hitlisten, zum Beispiel den zehn besten Graphic Novels, Bücher mit Vorbildern für Jungs oder Mädchen, Hörbücher für lange Fahrten, Geschichten für Möchtegernsuperhelden, über Pferde, Vampire und Fussball. 

Die Romantherapie für Kinder richtet sich an Erwachsene, die in ihrer Rolle als Eltern, Gross­eltern, Erzieherinnen, Bibliothekare, Lehrpersonen, Gotte und Götti oder Onkel und Tante zu anregendem Lesestoff verhelfen möchten. Ihnen allen ist «seit langem klar, dass es für Kinder und Jugendliche in einem schwierigen Augenblick oft nichts Besseres gibt als eine Geschichte, völlig unerheblich, ob sie in der Schule gemobbt werden, zum ersten Mal verliebt sind oder das liebste Kuscheltier verschollen ist».  – Und wer weiss, vielleicht verlieren sich die verkappten Bibliotherapeuten dann selbst in den Empfehlungen und beginnen darüber nachzusinnen, was ihnen dieses oder jenes Buch aus der Kindheit bedeutet hat. Damit die heranwachsenden Leserinnen und Lesern ebensolche Erfahrungen machen, brauchen sie Lieblingsbücher mit Heldinnen und Helden, die sich den Widrigkeiten des Alltags stellen oder mit denen sie diesem Alltag entfliehen und wilde Abenteuer erleben dürfen.

 Daniel Ammann, 27.11.2017

«Kinder- und Jugendbücher für alle Lebenslagen.» 
Akzente 4 (27.11.2017).
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Ella Berthoud, Susan Elderkin und Traudl Bünger
Die Romantherapie für Kinder.
Aus dem Englischen von Katja Bendels und Kirsten Riesselmann.
Berlin: Insel Verlag, 2017. 372 Seiten.

Sprechende Handpuppen

Sprechende Handpuppen

Ein verschrobener Lehrer mit Flair für Sprachgeschichte und nordische Mythen besucht für sein Leben gern Beerdigungen. Da er die Verstorbenen nicht persönlich kennt, denkt er sich einfach Geschichten aus und gibt sich bei den Traueressen als vertrauten Freund der Fremden aus. Doch das ist nicht die einzige Marotte des einsamen Ich-Erzählers in Jostein Gaarders neuem Roman Ein treuer Freund (Hanser 2017). Auch Jacops langjähriger Weggefährte und Vertrauter ist nicht von dieser Welt. Bei Pelle handelt es sich um eine sorgfältig gestaltete Handpuppe, die sich die Stimme ihres Besitzers ausleiht und diesen mit ihrer frechen Art ab und zu in Verlegenheit bringt.


Screenshot aus The Beaver (Mel Gibson und Jodie Foster).

Der depressive Spielzeughersteller Walter Black (Mel Gibson) in Jodie Fosters Spielfilm The Beaver (USA 2011) findet nach einem Zusammenbruch ebenfalls Trost bei einer Handpuppe. Die Biber-Figur mit Cockney-Akzent übernimmt für den verstummten Walter aber nicht nur das Sprechen, sondern stellt sein ganzes Leben auf den Kopf. So weiss sich Walter am Ende nur noch durch eine drastische Aktion von seinem tyrannischen Fantasiefreund zu befreien.


Screenshot aus What About Bob? (Richard Dreyfuss und Kathryn Erbe).

Dass wir in Gegenwart von Marionetten, Kasperlefiguren und Bauchrednerpuppen Hemmungen und Widerstände ablegen, macht sich auch Dr. Leo Marvin (Richard Dreyfuss) in What About Bob? zunutze (USA 1991). Die Leitfigur mit den Gesichtszügen des Psychiaters kommt zum Einsatz, als dieser seine grosse Tochter zu therapieren versucht. Sie bietet ihm mit ihrer eigenen Puppe Paroli, bevor sie die Doppelgängerin wütend von sich weist und davonstürmt.

Daniel Ammann, 25.8.2017


Akzente 3 (2017): S. 35.
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Jostein Gaarder
Ein treuer Freund.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
München: Carl Hanser, 2017. 272 Seiten.

The Beaver.
USA 2011.  
Regie: Jodie Foster.

What About Bob? 
USA 1991.
Regie: Frank Oz.

Unkreativ kreativ

Sampeln, abschreiben, covern und remixen. Sieht so die neue Kreativtiät aus? In einer Erzählung von Jorge Luis Borges schreibt Pierre Menard den Don Quijote Wort für Wort neu. Die Doppelschöpfung ist textlich nicht vom Original zu unterscheiden, wirkt aber postmodern raffiniert. Wie wir kreativ unkreativ mit dem kulturellen Erbe umgehen können, beleuchtet der konzeptionelle Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith in seinem provokativen Essayband Uncreative Writing (Matthes & Seitz 2017). Von seinen Studierenden verlangt er einen Leistungsnachweis, den sie nicht selbst formulieren. Vielmehr müssen sie sich Bestehendes kreativ zu eigen machen. Gold­smith selber hat in einer Aktion die täglichen Wetterprognosen der New York Times abgetippt und als Buch herausgebracht.

Auch der jugendliche Protagonist in Cory Doctorows Roman Pirate Cinema (Heyne 2014) montiert Filmclips zu hintersinnigen Mashups. Die Meisterwerke stossen  auf Anklang, sorgen bei den Gesetzeshütern aber für Ärger. Der Regisseur ohne Kamera taucht ab und setzt seinen Kampf für faire Nutzungsrechte aus dem Untergrund fort. «Schafft eure eigene Kunst. Kreativität heisst nur zu ver­einen, was noch niemand bisher vereint hat.»

Weniger riskant geht Regisseur Carl Reiner ans Werk. Für seinen Spielfim Dead Men Don’t Wear Plaid (USA 1982; dt. Tote tragen keine Karos) hat er sich bei 18 Klassikern aus den 40er- und 50er-Jahren be­dient und die Ausschnitte mit einer parodistischen Handlung kombiniert. Die kreative Rekontextualisierung haucht den Versatzstücken neues Leben ein. Das ist nicht nur witzig und frech, sondern durchaus erlaubt.

Daniel Ammann, 23.5.2017


«Unkreativ kreativ.»
Akzente 2 (2017): S. 39.
 blog.phzh.ch/akzente/2017/05/23/unkreativ-kreativ/
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Kenneth Goldsmith
Uncreative Writing: Sprachmanagement im digitalen Zeitalter.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein.
Berlin: Matthes & Seitz, 2017. 352 Seiten.

Cory Doctorow.
Pirate Cinema.
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka.
München: Wilhelm Heyne, 2014.  
510 Seiten. Ab 14 Jahren.

Dead Men Don’t Wear Plaid.
USA 1982.
Regie: Carl Reiner.

Familiengeheimnisse und andere Verbrechen

Familiengeheimnisse und andere Verbrechen

Rätsel wollen gelöst, Geheimnisse gelüftet werden. Aus dieser Faszination entstehen Geschichten. Im 19. Jahrhundert hat sich mit dem Kriminal- und Detektivroman ein Genre entwickelt, das Leserinnen und Leser bis heute fesselt. Aber nicht immer sind Detektive am Werk, und manchmal bleibt uns die Klärung des Verbrechens versagt.

«Familiengeheimnisse und andere Verbrechen: Charles Dickens und der ungelöste Fall des Edwin Drood.»
ph akzente 2 (2012): S. 12–15.
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Familiengeheimnisse und andere Verbrechen

The Mystery of Edwin Drood.
Grossbritannien (BBC) 2012.
Regie: Diarmuid Lawrence. Drehbuch: Gwyneth Hughes.

Charles Dickens
Das Geheimnis des Edwin Drood.
Aus dem Englischen von Burkhart Kroeber.
Fortgeschrieben und zu Ende geführt von Ulrike Leonhardt.
Zürich: Manesse, 2011. 768 Seiten.

Dan Simmons
Drood.
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader.
München: Wilhelm Heyne, 2011. 976 Seiten.


Magoria by Daniel Ammann