Schiesswütiges Amerika

Krimis wiegen uns in Sicherheit. Wir müssen nicht fürchten, dass sich bei der fiktionalen Schiesserei eine Kugel in unser Wohnzimmer verirrt oder unter dem Sofa plötzlich ein Sprengsatz detoniert. Die Bluttaten im Unterhaltungsprogramm sind gewissermassen harmlos. Kaum laufen aber die Nachrichten über den Bildschirm, ist es mit dem Spass vorbei. Krieg, Amokläufe, Terroranschläge, Attentate und Morde sind an der Tagesordnung. Rund vierzigtausend Amerikaner:innen, resümiert Paul Auster in seinem ebenso politischen wie persönlichen Essay, verlieren jährlich durch Schussverletzungen ihr Leben. Hinzu kommen doppelt so viele Verletzte, die oft lebenslang unter Folgeschäden zu leiden haben. Auster macht klar, dass rigorose Gesetze daran wenig zu ändern vermöchten. Spencer Ostranders Schwarzweissfotos zeigen scheinbar friedliche Schauplätze – Tatorte früherer Massentötungen, nachdem die Spuren beseitigt wurden.

Daniel Ammann, 27.5.2024

«Schiesswütiges Amerika.»
Akzente 2 (2023): S. 34.
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Paul Auster
Bloodbath Nation.
Mit Fotos von Spencer Ostrander. Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Hamburg: Rowohlt, 2024. 188 Seiten.

Vom Lesen zum Schreiben

Lesen als Schreibschule

Normalerweise können wir den Autor:innen beim Schreiben nicht über die Schulter schauen. Aber hin und wieder verraten sie uns in Poetikvorlesungen, Interviews, Briefen oder nachgelassenen Notizbüchern, wie die Arbeit vonstatten ging, wo ein Schreibprojekt seinen Anfang nahm und welche künstlerischen Entscheidungen sie treffen mussten. Was wir allerdings immer bekommen, sind die fertigen Texte. Wir brauchen sie nur genau zu lesen und die richtigen Fragen zu stellen. «Wenn es eine Erzählung schafft, uns hineinzuziehen und weiterlesen zu lassen, und uns das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden, wie macht sie das?»

Ausgehend von dieser und weiteren Fragen hat Autor und Universitätsdozent George Saunders sein Programm des genauen Lesens entwickelt. Über zwanzig Jahre hat er an der Syracuse University im Bundesstaat New York angehende Schriftsteller:innen in Creative Writing unterrichtet. Die Essenz seiner Close-Reading-Methode liegt nun unter dem Titel Bei Regen in einem Teich schwimmen (Orig. A Swim in a Pond in the Rain) als Buch vor.

Saunders nimmt darin sieben klassische Kurzgeschichten der grossen russischen Schriftsteller Anton Tschechow, Iwan Turgenjew, Leo Tolstoi und Nicolai Gogol unter die Lupe und führt uns Schritt für Schritt durch die Lektüre. Es geht darum, die «Physik des Genres» zu begreifen und herauszufinden, wie die Meister zu Werke gehen und auf welche Weise die Texte ihre einzigartige Wirkung entfalten. Ein besonderes Augenmerk legt Saunders dabei auf Figuren und Handlung, sich verändernde Leseerwartungen sowie Muster, die sorgfältig etabliert und alsdann kunstvoll variiert oder unterlaufen werden.

Bei diesen rezeptions­ästhetischen Tiefenbohrungen kommt Saunders erstaunlicherweise ohne die üblichen Begrifflichkeiten der Erzähltheorie aus. Er sei, wie er eingangs betont, kein Kritiker, kein Literaturwissenschaftler oder Experte für russische Literatur. Vielmehr geht es ihm darum, was wir beim Lesen gefühlt haben, und an welcher Stelle wir es gefühlt haben. Denn jede schlüssige Denkarbeit beginne mit einer echten Reaktion.

Überträgt man das auf das eigene Schreiben, lautet die wichtigste Frage: «Was hält einen Leser bei der Stange? Oder genauer: Was hält meinen Leser bei der Stange? (Was trägt und treibt einen Leser durch meine Prosa voran?)» Das Überarbeiten des Textes wird damit zu einer Übung in Beziehungspflege.
Der gemeinsame Spaziergang durch die meisterhaften Erzählungen ist ein besonderer Genuss und eine Leseschule obendrein. Laut Saunders sollen wir die Texte durchaus daraufhin lesen, «was wir bei ihnen klauen können». Und damit wir nach der Tiefenlektüre eine Brücke zum eigenen Schreiben schlagen, gibt er uns nicht nur Tipps auf den Weg, sondern fügt im Anhang drei handwerkliche Übungen bei.

Daniel Ammann, 23.2.2024


«Von Meistern lernen.»
Akzente 1 (23.2.2024).
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George Saunders
Bei Regen in einem Teich schwimmen: Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert.
München: Luchterhand, 2022. 544 Seiten.

Erzählen in Folge

Erzählen in Folge

Serien zeichnen sich als medienübergreifendes Phänomen primär durch ihren Programmcharakter aus. Ob Buch- oder Filmzyklus, Heftroman, Comic-Serie, TV-Mehrteiler, Daily Soap, Krimi-Reihe oder Familiensaga als prime time serial spielt keine Rolle. Unabhängig von Inhalt oder medialer Gattung steht vielmehr die sequenzielle Darbietungsform mit mehreren Folgen im Vordergrund. 

Neben der protoypischer Episodenserie (mit abgeschlossener Folgenhandlung) und der episch angelegten Fortsetzungsserie (mit episoden- und staffelübergreifenden Handlungsbögen) existiert seit den Anfängen der Fernsehgeschichte bereits ein drittes Programm­format, das etwas aus der Reihe tanzt: die Anthologie­serie. Diesem Sonderfall narrativer Reihung, seiner Systematik und der Analyse exemplarischer Spielarten widmet sich der von Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg herausgegebene Sammelband mit zwölf Beiträgen. 

Unter dem Label Anthologieserie – wie die Bezeichnung in Anlehnung an literarische Textsammlungen nahelegt – werden Geschichten als unabhängige Einzelfolgen präsentiert oder bilden abgeschlossenen Staffeln aus mehreren Episoden. Wie in der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror wechseln Handlungsschauplätze, Plot und Personal entweder von Folge zu Folge oder ändern von Staffel zu Staffel wie etwa bei den US-amerikanischen Krimiserien Fargo und True Detective

Die für Episoden- und Fortsetzungsserien typischen Techniken  und Erzählmuster kommen demnach nur bedingt zum Einsatz. Parasoziale Beziehungen zu vertrauten Figuren oder mitwirkenden Schau­spieler:in­nen bleiben auf eine einzelne Episode oder Staffel beschränkt. Auch der Spannungsdramaturgie oder dem Einsatz bewährter Cliffhanger sind engere Grenzen gesetzt, da am Ende  einer eigenständigen Episode oder zum Staffelfinale keine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird. 

Damit das Ganze dennoch als Serie funktionieren und ein Stammpublikum ansprechen kann, braucht es offensichtlich andere Anreize und Qualitäten. «Anthologieserien konstituieren Kohärenz und Äquivalenz nicht über die Konstanz ihrer Figuren und Diegesen und auch nicht über mehrere Staffeln sukzessiv verlaufender Narrative, sondern auf subtileren formseitigen Wegen», halten die Herausgeber:innen in der Einleitung fest. In Kompilationen aus heterogenen Geschichten spielen thematische Sujets, Erzähl­atmosphäre oder wiederkehrende Figurentypen und Motive viel eher eine Rolle. Aber auch formale und gestalterische Elemente wie narrative Rahmung, Intertextualität, Kamera- und Schnitttechnik oder ein markantes Sounddesign dürften die serielle Machart unterstreichen und beim Publikum für besondere Attraktivität sorgen. 

 Daniel Ammann, 24.8.2023


«Erzählen in Folge.»
Akzente 3 (24.8.2023).
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Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg, Hrsg.
Anthologieserie: Systematik und Geschichte eines narrativen Formats.
Marburg: Schüren Verlag, 2022. 270 Seiten.

Wunderjahr 1922

Wunderjahr 1922

1922 gilt als Annus mirabilis der Literatur. Der Ulysses von James Joyce und T. S. Eliots The Waste Land werden in einem Atemzug genannt. Innovativ, experimentell und in ihrer Vielstimmigkeit modern muten diese Titel heute noch an. So auch Mrs. Dalloway. Virginia Woolfs Roman erscheint zwar drei Jahre später, aber seine Entstehung fällt ebenfalls ins Jahr 1922. Dank der frischen Übersetzung von Melanie Walz darf dieses Meisterwerk nun wieder neu entdeckt werden (Manesse, 2022).

In seinem erzählenden Sachbuch 1922 (Luchterhand, 2022) nimmt Norbert Hummelt neben Joyce, Eliot und Woolf auch den damals im Wallis lebenden Dichter Rainer Maria Rilke in den Blick. In einem kalendarischen Kaleidoskop fügt Hummelt biografische Momentaufnahmen zu Mosaiken zusammen und lässt uns hautnah ins Wunderjahr der Worte eintauchen.

Wer hätte geahnt, dass sich 100 Jahre später noch ein Schweizer dazugesellt – kurz nachdem man die Zweihunderternote mit seinem Konterfei aus dem Verkehr gezogen hat. Sturz in die Sonne (Limmat, 2023) des Waadtländer Autors C. F. Ramuz erscheint jetzt erstmals auf Deutsch. Dass Ramuz damit den Klimaroman vorwegnehme, stimmt nur bedingt. Die apokalyptische Geschichte handelt eher von der in atavistische Aggression umschlagenden Apathie der Menschen im Angesicht des Todes. Durch einen Unfall im Gravitationssystem gerät die Erde aus ihrer Umlaufbahn und nimmt Kurs auf die Sonne.

Daniel Ammann, 24.8.2023

«Wunderjahr.»
Akzente 3 (2023): S. 35.
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Literaturangaben

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway.
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
München: Manesse, 2022. 400 Seiten.

Norbert Hummelt
1922.
München: Luchterhand, 2022. 416 Seiten.

C. F. Ramuz
Sturz in die Sonne.
Übersetzt von Steven Wyss.
Zürich: Limmat, 2023. 192 Seiten.

Lesen und Wiederlesen

Wiederlesen lohnt sich
Wiederlesen lohnt sich

Soll man irgendwann aufhören, den zahlreichen Neuerscheinungen hinterherzuhetzen, und sich stattdessen auf das Wiederlesen vertrauter Bücher verlegen? So wie man nicht zwei Mal in den gleichen Fluss steigt, verhält es sich auch mit Lektüren.

Davon erzählt die passionierte Wiederholungsleserin und Autorin Vivian Gornick in Offene Fragen (Penguin, 2022). Wenn sie nach Jahren erneut zum gleichen Buch greift, haben sich die Zeichen auf dem Papier nicht verändert. Vielmehr spiegelt sich im alten Text ein neues Ich und lässt die Leserin in der aktuellen Lebensphase eine andere Geschichte entdecken.

Von intimen und erhellenden Begegnungen mit Texten berichten auch die vierundzwanzig Autorinnen und Autoren in Warum Lesen: Mindestens 24 Gründe (Suhrkamp, 2020; herausgegeben von Katharina Raabe und Frank Wegner). Lesen trennt und verbindet, betont etwa Annie Ernaux. Es koppelt uns vom Alltag ab, lässt fremde Stimmen ins Bewusstsein ein. Gleichzeitig rückt uns Literatur der Welt näher, denn sie gewährt Einblicke ins Leben, Denken und Fühlen von anderen und verschafft vielfältige ästhetische und verdichtete Erfahrungen.

Wiederlesen lohnt sich. Das mag einer der Gründe sein, weshalb die befragten Schriftstellerinnen und Schriftsteller in François Armanets Bücher für die einsame Insel (Atlantik, 2017) lauter Titel nennen, die sie bereits kennen. Salman Rushdie entscheidet sich wenig überraschend für «Tausendundeine Nacht». Und für Margaret Atwood ist es an der Zeit, wieder einmal «Moby Dick» zu lesen, weil dieser Roman für sie alle zehn Jahre einen neuen Sinn erhält.

Daniel Ammann, 25.11.2022

«Auf Wiederlesen.»
Akzente 4 (2022): S. 39.
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Literaturangaben

Vivian Gornick
Offene Fragen: Notizen einer passionierten Wiederholungsleserin.
Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao.
München: Penguin, 2022. 173 Seiten.

Warum Lesen: Mindestens 24 Gründe.
Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Katharina Raabe und Frank Wegner. Berlin: Suhrkamp, 2020. 347 Seiten.

François Armanet
Bücher für die einsame Insel.
Aus dem Französischen, Englischen und Spanischen von Claudia Steinitz und Angela Volknant.
Hamburg: Atlantik, 2017. 215 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann