Alternative Geschichte

Alternative Geschichte

Geschichtsschreibung folgt den Tatsachen und erzählt uns die Vergangenheit. Kommen neue Fakten ans Licht, verschiebt sich das Gefüge und die Historie muss umgeschrieben werden. Einen anderen Ansatz verfolgt die kontrafaktische Geschichte. Im Vordergrund steht nicht mehr die Frage, was war und wahr ist, sondern eine gewagte Hypothese: Was wäre, wenn …? Mit diesem Blickwechsel bewegen wir uns unweigerlich ins Reich der Fiktion.

Die TV-Serie For All Mankind (Apple TV 2019–) weicht mit einem scheinbar marginalen Ereignis vom tatsächlichen Geschichtsverlauf ab. Mitten im Kalten Krieg betreten 1969 russische Kosmonauten als Erste die Mondoberfläche. Mit weitreichenden Folgen, nicht nur für die Raumfahrt. Der Kampf der Supermächte um die Vorherrschaft spitzt sich weiter zu und selbst der Erdtrabant wird zum Schauplatz kriegerischer Konfrontation.

Geschichtsschreibung folgt den Tatsachen und erzählt uns die Vergangenheit. Kommen neue Fakten ans Licht, verschiebt sich das Gefüge und die Historie muss umgeschrieben werden. Einen anderen Ansatz verfolgt die kontrafaktische Geschichte.

In der Miniserie The Plot Against America (HBO 2020) nach dem Roman von Philip Roth wird der internationale Flugpionier Charles Lindbergh 1941 Präsident der Vereinigten Staaten. Grund zur Sorge für die jüdische Bevölkerung, denn der Kriegsgegner pflegt enge Beziehungen zum Dritten Reich.

Viel weiter zurück in die von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägte Vorzeit katapultiert uns der französische Autor Laurent Binet. Sein Roman Eroberung (Rowohlt 2020) verblüfft mit einer alternativen Kolonialgeschichte: Kolumbus kehrt nicht aus Amerika zurück und die Inkas unterwerfen Europa. Da wir nicht gewillt sind, aus der Geschichte zu lernen, werden wir vielleicht aus solchen Geschichten klüger.

Daniel Ammann, 24.2.2022 


«Was wäre, wenn?»
Akzente 1 (2022): S. 39.
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The Plot Against America.
Miniserie. USA 2020. Regie: Thomas Schlamme, Minkie Spiro.

Philip Roth
Verschwörung gegen Amerika.
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.
München: Carl Hanser, 2007. 544 Seiten.

For All Mankind.
TV-Serie. USA 2019–.
Regie: Allen Coulter, John Dahl, Seth Gordon, Meera Menon, Sergio Mimica-Gezzan, Dennie Gordon.

Laurent Binet
Eroberung.
Aus dem Französischen von Kristian Wachinger.
Hamburg: Rowohlt, 2020. 383 Seiten.

Verzweigte Lebenspfade

Verzweigte Lebenspfade

Mit fünfunddreissig beschliesst Nora Seed zu sterben. Die Hauptfigur in Matthew Haigs zauberhaftem Roman Die Mitternachtsbibliothek (Droemer 2021) gelangt jedoch nicht ins Jenseits, sondern findet sich in einer Welt zwischen Leben und Tod wieder. Punkt Mitternacht bleibt die Zeit stehen und Nora betritt eine Bibliothek mit end­losen Regalen. Jedes Buch bietet ihr die Chance, Entscheidungen zu revidieren und verpasste Versionen ihres Lebens auszuprobieren – als Olympiaschwimmerin, Musikerin, Philosophin, Mutter oder Gletscherforscherin. Aber welches davon ist das beste Leben?

Paul Austers Mammut­roman 4 3 2 1 (Rowohlt 2017) spielt ebenfalls mit verzweigten Varianten einer Lebensbiografie. Allerdings weiss sein Held Archie Ferguson nichts von seinen Doppelgängern. Nach dem Startkapitel 1.0 faltet sich die Handlung in vier parallele Erzähl­stränge auf. Neben bewussten Entscheidungen und einschneidenden Schicksalsschlägen sind es manchmal unscheinbare Ereignisse oder zufällige Fügungen, die Archies Leben in ganz andere Bahnen lenken. 

Durch einen globalen Kurzschluss verschlägt es auch den erfolglosen Musiker Jack Malik (Himesh Patel) in Danny Boyles Spielfilm Yesterday (2019) in ein Parallel­universum. Als er aus dem Koma erwacht, scheint vorderhand zwar alles beim Alten. Doch bald muss Jack feststellen, dass in dieser Welt die Beatles völlig unbekannt sind. Also macht er sich daran, ihre unvergess­lichen Songs nieder­zuschreiben und gelangt unversehens doch noch zu grossem, aber zweifelhaftem Ruhm.

Daniel Ammann, 26.11.2021

«Windungen und Wendungen.»
Akzente 4 (2021): S. 39.
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Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek.
Aus dem Englischen von Sabine Hübner.
München: Droemer, 2021. 320 Seiten.

Paul Auster
4 3 2 1.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017. 1264 Seiten.

Yesterday.
Grossbritannien 2019.
Regie: Danny Boyle. DVD: Universal Pictures Video, 2019.

Leseförderung auf allen Kanälen: Ghostwriter

Leseförderung auf allen Kanälen: Ghostwriter

«Leseförderung auf allen Kanälen.»
Buch & Maus 3 (2021): S. 24.
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Hannah Levinson, Camilla Arfwedson, Zoe Doyle, Isaac Arellanes, Justin Sanchez and Amadi Chapata in «Ghostwriter» (Apple TV+)

Ghostwriter (Vier Freunde und die Geisterhand).
2 Staffeln à 13 Episoden. USA 2019–2021.
apple.com/de/tv-pr/originals/ghostwriter
apple.co/2PhpJF8

Lemmi und die Schmöker.
Regie: Peter Podehl, D 1973–1979/1983 DVD-Gesamtedition: Alle 40 Folgen plus 5 Specials.
Walluf: Fernsehjuwelen, 2021.

Von Menschen und Maschinen

Von Menschen und Maschinen

«Können Maschinen denken?», fragt Alan Turing 1950 in einem denkwürdigen Aufsatz, der nun als Neuübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe erscheint (Reclam 2021). Die Frage beschäftigt uns heute mehr denn je. Sogar an den von Turing diskutierten Einwänden gegen Künstliche Intelligenz hat sich seit 70 Jahren kaum etwas geändert. Da wir uns «Denken» ohne Bewusstsein und Emotionen nur schwer vorstellen können, entwirft Turing ein Imitationsspiel und regt zu einem Frage-und-Antwort-Experiment an, das inzwischen als «Turing-Test» geläufig ist. 

Wenn eine Maschine sinnvolle Wortfolgen oder sogar Kunst hervorbringt, ist das noch kein Beweis dafür, dass sich dahinter ein denkendes Wesen oder gar eine poetische Seele verbirgt. Aber könnte dabei so etwas wie Literatur entstehen? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich Schrift­steller Daniel Kehlmann auf den Versuch eingelassen, gemeinsam mit einer Maschine eine Geschichte zu schreiben. Von seinen Erfahrungen berichtet er in seiner Stuttgarter Zukunfts­rede unter dem Titel Mein Algorithmus und ich (Klett-Cotta 2021). 

Man kann den Spiess auch umdrehen, wie es der britische Autor und Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro in seinem Roman Klara und die Sonne tut (Blessing 2021). Seine Ich-Erzählerin ist ein humanoider Roboter und dafür programmiert, als Künstliche Freundin einem Kind Gesellschaft zu leisten und für dessen Wohlbefinden und Sicherheit zu sorgen. Wo ziehen wir bei diesem fiktionalen Imitationsspiel die Grenzen, um zwischen So-tun-als-ob und echter Zuneigung zu unterscheiden?

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Von Menschen und Maschinen.»
Akzente 3 (2021): S. 39.
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Alan M. Turing
Computing Machinery and Intelligence / Können Maschinen denken?
Englisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Achim Stephan u. Sven Walter.
Ditzingen: Reclam, 2021. 202 Seiten.

Daniel Kehlmann
Mein Algorithmus und ich.
Stuttgarter Zukunftsrede.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2021. 63 Seiten.

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne.
Aus dem Englischen v. Barbara Schaden.
München: Karl Blessing Verlag, 2021. 352 Seiten.


Siehe auch den Beitrag zum Biopic über Alan Turing: The Imitation Game

Sprachen ohne Worte

Sprachen ohne Worte

In Gullivers Reisen1 wird an einer Akademie eine Debatte darüber geführt, wie man die Sprache verbessern könnte. Ein Professor schlägt vor, «die Rede zu verkürzen, indem man alle vielsilbigen Wörter so zurechtstutzt, dass nur noch eine Silbe übrig bleibt». Ferner könne man alle Verben und Partizipien künftig weglassen, «weil alle vorstellbaren Dinge der Wirklichkeit ja ohnehin nur Substantiva seien». Der Satiriker Jonathan Swift hat sich also vor dreihundert Jahren schon Gedanken über «Einfache Sprache» gemacht.

Dinge statt Worte

Ein anderes Projekt ging noch einen Schritt weiter und bezweckte gleich sämtliche Wörter abzuschaffen: Da es sich bei Wörtern lediglich um «Namen für die Dinge» handle, könne man stattdessen ja einfach die Dinge mit sich tragen, die man benötigt, «um Sachen auszudrücken, über die man sich jeweils unterhalten wolle.»

 Nun können wir vielleicht ohne Wörter, aber bestimmt nicht ohne Begriffe auskommen. Beispiele für Kommunikation jenseits der artikulierten oder geschriebenen Wortsprache stellt Andrea Weller-Essers in einem kleinen Band aus dem Duden Verlag vor.

Tatsächlich geht es auch ohne Worte – nicht nur im Bilderbuch, sondern überall dort, wo die Verbalsprache in geschriebener oder gesprochener Form versagt oder nicht zum Zug kommt. Unter Wasser verständigt man sich mit Tauchzeichen, Polizei und Bodenlotsen am Flughafen regeln den Verkehr mit Handzeichen und auch im Konzertsaal, auf dem Fussball- oder Eishockeyfeld wird das Geschehen mit Gesten dirigiert. Sprachen im eigentlichen Sinn sind das jedoch nicht – im Unterschied etwa zur Gebärdensprache der Gehörlosen oder der ideografischen Bliss-Schrift, mit denen sich dank Begriffen und Grammatik praktisch alles ausdrücken lässt. Das reich illustrierte Duden-Büchlein stellt neben Musik- und Tanznotationen auch verschiedene Schriftsysteme und exotische Signalsprachen vor. Damit vermittelt es einen breiten Einblick in die faszinierende Welt der Kommunikation. Selbst ohne Worte sind wir mit unserem Latein also noch lange nicht am Ende.

Daniel Ammann, 26.2.2020/2026

«Wortlos kommunizieren?» 
Akzente 1 (2020): S. 35.
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  1. Jonathan Swift. Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Zürich: Manesse, 2017. ↩︎

Andrea Weller-Essers
Sprachen ohne Worte: Kommunikation auf anderen Wegen.
Berlin: Dudenverlag, 2019. 80 Seiten.
Sprachen ohne Worte

Magoria by Daniel Ammann