Digitale Schieflage

Barrierefreie Demokratie oder Informationsapokalypse? In ihren scharfsinnigen Essays zur Digitalmoderne räumt Eva Menasse mit der Vorstellung auf, Medien seien bloss Werkzeuge und somit für die von Menschen angerichteten Verheerungen nicht verantwortlich. Soziale Medien und manipulative Programme hätten in ihrer Wirkung indes mehr mit bewusstseinsverändernden Drogen als mit harmlosen Werkzeugen gemein.
Dass wir mit einfachen Zuschreibungen nicht weit kommen und vielleicht nicht viel dazugelernt haben, zeigt die Autorin unter anderem in ihrer Analyse der deutschen Antisemitismus­-Debatte. Digitale Massenkommunikation scheint alles zu erfassen und hat innerhalb weniger Jahre menschliches Leben und Verhalten von Grund auf verändert. Dennoch: Die analoge Welt gibt es noch, wie sie mehrfach betont: «Dort stinken die Mülltonnen und müssen die Nabelschnüre Neugeborener händisch von Erwachsenen durchschnitten werden.»

Daniel Ammann, 23.8.2024

Eva Menasse
Alles und nichts sagen: Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 192 Seiten.


«Digitale Schieflage.»
 Akzente 3 (2024): S. 34.
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Mehr als eine Wirklichkeit

Mehr als eine Wirklichkeit

Die Wahrnehmung schliesst uns mit der Wirklichkeit kurz. Dennoch regen sich Zweifel, ob wir die Realität tatsächlich erfassen können oder ob sie nur eine Illusion im Schattentheater unseres Geistes bleibt.

In seinem Buch Anders sehen (Goldmann, 2018) öffnet uns der Neurowissenschaftler Beau Lotto anhand verblüffender Selbst­versuche Augen und Ohren. Das lüftet den einen oder anderen Wahrnehmungsschleier, ohne die Wirklichkeit zu entzaubern.

Auf ganz andere Weise zieht uns der schottische Autor J. O. Morgan in seinen Science-Fiction-Erzählungen den Boden unter den Füssen weg. Der Apparat (Rowohlt, 2023) entführt in eine Gegenwart, in der sich Objekte und später auch Menschen in Sekundenschnelle durch den Raum teleportieren lassen. Nicht alle sind von dieser bahnbrechenden Erfindung begeistert. Kommt am entfernten Ende wirklich alles an? Auch das Bewusstsein?

Mag sein, dass die Welt im Gehirn nur als virtuelle Realität existiert. Aber wie Thomas Fuchs in seiner beherzten Verteidigung des Menschen (Suhrkamp, 2020) darlegt, sind wir verkörpertes Bewusstsein. Wir leben in ständigem Austausch mit der Umgebung und anderen Wesen, was der Wahrnehmung eine erweiterte Objektivität verleiht.

So viel ist sicher: Nach der Lektüre dieser drei Bücher sehen wir die Wirklichkeit mit neuen Augen.

Daniel Ammann, 23.2.2024

«Mehr als eine Wirklichkeit.»
Akzente 1 (2024): S. 35.
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Literaturangaben

Beau Lotto
Anders sehen: Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung.
Mit zahlreichen Selbsttests.
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt u. Katja Hald.
München: Goldmann, 2018. 448 Seiten.


J. O. Morgan
Der Apparat.
Aus dem Englischen von Jan Schönherr.
Hamburg: Rowohlt, 2023. 240 Seiten.


Thomas Fuchs
Verteidigung des Menschen: Grundfragen einer verkörperten Anthropologie.
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2311.
4. Aufl. Berlin: Suhrkamp, 2022. 331 Seiten.

Erzählen in Folge

Erzählen in Folge

Serien zeichnen sich als medienübergreifendes Phänomen primär durch ihren Programmcharakter aus. Ob Buch- oder Filmzyklus, Heftroman, Comic-Serie, TV-Mehrteiler, Daily Soap, Krimi-Reihe oder Familiensaga als prime time serial spielt keine Rolle. Unabhängig von Inhalt oder medialer Gattung steht vielmehr die sequenzielle Darbietungsform mit mehreren Folgen im Vordergrund. 

Neben der protoypischer Episodenserie (mit abgeschlossener Folgenhandlung) und der episch angelegten Fortsetzungsserie (mit episoden- und staffelübergreifenden Handlungsbögen) existiert seit den Anfängen der Fernsehgeschichte bereits ein drittes Programm­format, das etwas aus der Reihe tanzt: die Anthologie­serie. Diesem Sonderfall narrativer Reihung, seiner Systematik und der Analyse exemplarischer Spielarten widmet sich der von Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg herausgegebene Sammelband mit zwölf Beiträgen. 

Unter dem Label Anthologieserie – wie die Bezeichnung in Anlehnung an literarische Textsammlungen nahelegt – werden Geschichten als unabhängige Einzelfolgen präsentiert oder bilden abgeschlossenen Staffeln aus mehreren Episoden. Wie in der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror wechseln Handlungsschauplätze, Plot und Personal entweder von Folge zu Folge oder ändern von Staffel zu Staffel wie etwa bei den US-amerikanischen Krimiserien Fargo und True Detective. 

Die für Episoden- und Fortsetzungsserien typischen Techniken  und Erzählmuster kommen demnach nur bedingt zum Einsatz. Parasoziale Beziehungen zu vertrauten Figuren oder mitwirkenden Schau­spieler:in­nen bleiben auf eine einzelne Episode oder Staffel beschränkt. Auch der Spannungsdramaturgie oder dem Einsatz bewährter Cliffhanger sind engere Grenzen gesetzt, da am Ende  einer eigenständigen Episode oder zum Staffelfinale keine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird. 

Damit das Ganze dennoch als Serie funktionieren und ein Stammpublikum ansprechen kann, braucht es offensichtlich andere Anreize und Qualitäten. «Anthologieserien konstituieren Kohärenz und Äquivalenz nicht über die Konstanz ihrer Figuren und Diegesen und auch nicht über mehrere Staffeln sukzessiv verlaufender Narrative, sondern auf subtileren formseitigen Wegen», halten die Herausgeber:innen in der Einleitung fest. In Kompilationen aus heterogenen Geschichten spielen thematische Sujets, Erzähl­atmosphäre oder wiederkehrende Figurentypen und Motive viel eher eine Rolle. Aber auch formale und gestalterische Elemente wie narrative Rahmung, Intertextualität, Kamera- und Schnitttechnik oder ein markantes Sounddesign dürften die serielle Machart unterstreichen und beim Publikum für besondere Attraktivität sorgen. 

 Daniel Ammann, 24.8.2023


Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg, Hrsg.
Anthologieserie: Systematik und Geschichte eines narrativen Formats.
Marburg: Schüren Verlag, 2022. 270 Seiten.

Neue Briefromane

Neue Briefromane

Der Briefroman feiert ein Comeback und schlägt mit digitalem Pingpong ein zeitgemässes Tempo an. Daniel Glattauers E-Mail-Romanze Gut gegen Nordwind hat es inzwischen ins Kino und zu Netflix geschafft (Vanessa Jopp, 2019).

Ein schonungslos ehrlicher Briefwechsel, so heisst es in Zwischen Welten von Juli Zeh und Simon Urban, sei eine interessante Sache, man lerne eine Menge über sich selbst und die anderen (Luchterhand, 2023). Das gilt, wie der unzimperliche Titel vermuten lässt, auch für Liebes Arschloch von Virginie Despentes (Kiepenheuer & Witsch, 2023). Da wie dort nehmen die Figuren kein Blatt vor den Mund und verhandeln persönliche Midlife-Krisen und gesellschaftliche Themen unserer Zeit mit gnadenloser Direktheit.

Ebenso frisch und frech, aber weniger abgeklärt klingt es in Holly Goldberg Sloans und Meg Wolitzers turbulentem Jugendroman An Nachteule von Sternhai (Hanser, 2019). «Ich kenne dich nicht», beginnt die abenteuerlustige Bett ihre Mail an die altkluge und von Lebensängsten geplagte Avery. «Aber ich schreibe dir trotzdem.» Tatsächlich dreht sich zu Beginn alles darum, dass die zwölfjährigen Girls nichts miteinander zu tun haben wollen. Nur weil ihre alleinerziehenden Väter sich ineinander verliebt haben, muss das noch lange nicht bedeuten, dass die beiden Töchter sich kennenlernen und gleich Schwestern werden wollen. Ein fulminanter Auftakt, der hält, was er verspricht.

Daniel Ammann, 17.5.2023

«E-Mails à gogo.»
Akzente 2 (2023): S. 35.
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Literaturangaben

Gut gegen Nordwind.
Regie: Vanessa Jopp.
Deutschland 2019.
DVD Sony Pictures Home Entertainment und Netflix.

Juli Zeh und Simon Urban
Zwischen Welten.
München: Luchterhand Literaturverlag, 2023. 446 Seiten.

Virginie Despentes
Liebes Arschloch.
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger und Tatjana Michaelis.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 336 Seiten.

Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer
An Nachteule von Sternhai.
Aus dem Englischen v. Sophie Zeitz.
München: Hanser, 2019. 288 Seiten. / München: dtv, 2021.
Ab 11 Jahren.

Synchronesisch

Synchronesisch

«Bastardwendungen oder cooles Alltagsdeutsch? Wie Synchronesisch unsere Sprache beeinflusst.»
Sprachspiegel 1 (2024): S. 2–19. 
Open Access (PDF) unter: zenodo.org/records/19628542

Im «Sprachspiegel» (1/2024, S. 2–19) habe ich mich mit dem Phänomen «Synchronesisch» (engl. dubbese) und seinen Wechselwirkungen mit der Alltagssprache (und dem, was Eike Schönfeld «Bastard­wendungen» nennt) auseinandergesetzt. Dabei werfe ich am Beispiel einer Episode aus der Netfllix-Serie Designated Survivor (2016–2019) auch einen vergleichenden Blick auf die Untertitelung und schaue mir an, wie die literarischen Übersetzer:innen von J. D. Salingers Klassiker The Catcher in the Rye (1951) mit dem Wörtchen «okay» umgehen.

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Mehr zum Thema

 

Keine heile Welt

Keine heile Welt

«Keine heile Welt.»
Akzente 4 (2022): S. 39.
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Als Jugendliche war Mélanie von der Reality-Show «Big Brother» fasziniert, heute hat sie auf Youtube fünf Millionen Abonnent:innen und vermarktet via Instagram ihre Familie. Ihre beiden Kinder leben in einem permanenten Werbespot und kennen keine Privatsphäre. Mit Die Kinder sind Könige (Dumont, 2022) packt Delphine de Vigan ein brisantes Thema an. Was wie ein Krimi mit einem Entführungsfall beginnt, mündet in ein Plädoyer für Kinderrechte.

Auch Dieser Beitrag wurde entfernt (Hanser, 2022) von Hanna Bervoets wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen unserer Mediengesellschaft. Die Ich-Erzählerin Kayleigh arbeitet als Content-Moderatorin und muss in Akkordzeit verstörende Inhalte aus dem Internet löschen. Trotz strengen Richtlinien keine einfache Aufgabe. Wenn sich jemand in einem Kindergarten in die Luft sprengt, muss das Video entfernt werden – und zwar «aufgrund des Verbots terroristischer Propaganda, nicht etwa, weil es sich um Gewalt oder Kindesmisshandlung handelt».

Gut denkbar, dass auch das Video der Protagonistin in Julia von Lucadous Tick Tack (Hanser, 2022) auf Kayleighs Monitor landen würde. Darin kündigt die 15-jährige Mette an, dass sie sich gleich auf die U-Bahn-Gleise legt …

Die drei Romane zeigen, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern hautnah das Zeitgeschehen und unseren ambivalenten Umgang mit Medien einfängt.
– Daniel Ammann

Literaturangaben

Delphine de Vigan
Die Kinder sind Könige.
Aus dem Französischen von Doris Heinemann.
Köln: Dumont, 2022. 320 Seiten.

Hanna Bervoets
Dieser Beitrag wurde entfernt.
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
Berlin: Hanser, 2022. 112 Seiten.

Julia von Lucadou
Tick Tack.
Berlin: Hanser, 2022. 256 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann