Lesen aus Leidenschaft

Lesen macht uns zu besseren Menschen, davon ist Neil Gaiman fest überzeugt. Wer seinen bezaubernden Ausführungen «über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen» folgt, kauft ihm das ohne Widerrede ab. Der viel­seitige Autor von Comics, Drehbüchern, Kinder- und Erwachsenenromanen berichtet in diesen gesammelten Vorworten, Reden und Reminiszenzen von seiner unstillbaren Leidenschaft für Geschichten. Er huldigt persönlichen Heldinnen und Vorbildern wie Jack Kirby, Terry Pratchett oder Dianne Wynne Jones. Besonders eindrücklich sind die autobiografischen Rückblenden, in denen er erzählt, wie er als Junge Bibliotheken und Buchhandlungen für sich entdeckte. Er hat alles an Lesestoff verschlungen, was ihm in die Finger kam. Diesen unvoreingenommenen Zugang zu den Künsten hat er sich bis heute bewahrt. Das steckt an und setzt Impulse für Leseanimation und das Erfinden eigener Geschichten.

Daniel Ammann, 23.2.2018

«Lesen aus Leidenschaft.»
Akzente 1 (2018): S. 34.
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Neil Gaiman.
Beobachtungen aus der letzten Reihe: Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen.
Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Ruggero Leò.
Köln: Bastei Lübbe, 2017. 571 Seiten.

Historischer Bilderbogen

Die Allgegenwart medialer Bilder und ihre permanente Verfügbarkeit lässt zuweilen vergessen, dass die bildtechnische Revolution schon 180 Jahre andauert und noch keineswegs abgeschlossen ist. Auf die Erfindung der Fotografie mit ihrem einzigartigen Bildrealismus (und ersten Fakes) folgt die visuelle Simulation neuer Wirklichkeiten im Kino. Die Möglichkeiten der elektronischen Signalüber­tragung führen im 20. Jahrhundert zur Entwicklung und Verbreitung des Massenmediums Fernsehen. Einen vorläufig letzten Visualisierungsschub bringt die computertechnische Digitalisierung, mit deren kulturgeschichtlichen Auswirkungen wir derzeit noch kämpfen. Der Bildhistoriker Gerhard Paul erzählt die Bildgeschichte, die auch immer eine Mediengeschichte ist, entlang der grossen Kapitel deutscher Geschichte und durchleuchtet in seinem umfassenden und reich illustrierten Werk die vielschichtigen Bildpraktiken in Berichterstattung, Kunst, Werbung, Politik, Film und Wissenschaft. 

Daniel Ammann, 25.8.2017

Akzente 3 (2017): S. 35.
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Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter: Punkt und Pixel.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2016. 760 Seiten.

Sternstunde Medienbildung

Seit die Medienrevolution losgelegt hat und mit wachsendem Tempo Wellen technischer Innovationen, neuer Formate und wechselnder Angebote über die Welt ergiesst, ist unser Reaktions- und Reflexionsvermögen ständig gefordert. Es bleibt kaum Zeit, einen Schritt zurückzutreten, um die jüngsten Umwälzungen aus nüchterner Distanz zu betrachten. Dieser kulturellen Kurzatmigkeit schlägt Christian Doelker ein raffiniertes Schnippchen. Er lädt zu einer ungezwungenen Plauderrunde mit hochkarätigen Teilnehmern und verstrickt uns im Nu in zentrale Fragen und Debatten unserer Geistes- und Kulturgeschichte. 

In einer fiktiv-virtuellen Radiosendung unter der Leitung des spanischen Kulturphilosophen José Ortega y Gasset unterhalten sich (und das Publikum) Persönlichkeiten wie der Philosoph Platon, der Pädagoge Comenius, der Naturforscher Charles Darwin, die Impressionistin Berthe Morisot und Filmikone Marilyn Monroe. So originell das Konzept, so originär sind deren Redebeiträge. Denn so viel ist klar: Ohne Zugriff auf unser verfügbares Weltgedächtnis ist der medialen Gegenwart kaum beizukommen. Der transhistorische Blick überwindet das Transitorische und macht ein sinnstiftendes Nachdenken erst möglich. Während Platon den Bildschirm fast bewahrpädagogisch als Monitor der Unterwelt tituliert, begrüsst ein Johann Amos Comenius die digitalen Archive, in denen sein Kompendium der sichtbaren Welt eine willkommene Fortsetzung erfährt. Ohne angemessene Bildung ist allerdings auch der mediale Bilderbogen nicht viel nütze. Dem wiederum hält Berthe Morisot entgegen, dass sich das Geheimnis eines Kunstwerks durch theoretische Annäherungen noch lange nicht ausschöpfen lässt. Marilyn Monroe warnt derweil davor, dass Medienbilder unsere Vorstellungen wesentlich mitprägen, aber durch ihren Vorbildcharakter auch Klischees und Illusionen kultivieren. Mit Darwin darf man am Ende zu Recht fragen, wohin sich der Mensch in dieser mediendurchsetzten Umwelt wohl entwickeln wird. 

In vier kompakten Sendeblöcken (bzw. Kapiteln) entfaltet Christian Doelker eine kompakte Medienkosmologie – von grundlegenden Betrachtungen zur Mediengesellschaft über mediale Codierungen und Strategien der Informationsverarbeitung bis hin zu meditativen Reflexionen unseres Nutzungsverhaltens. Die Positionen der virtuellen Gesprächs­teilnehmer lassen sich dabei nicht nur in der Geschichte festmachen, sondern bilden in ihrer Stimmenvielfalt den aktuellen Mediendiskurs ab. Dennoch kommen die pointierten Thesen und Einwürfe so leichtfüssig daher, dass sie – wie es sich für eine Radiosendung gehört – gar keiner Fussnoten bedürfen. Stattdessen führt ein Anhang entlang essenzieller Kurzbeiträge in die theoretischen Ansätze des Zürcher Medienpädagogen ein. 

Als Medienkulturwissenschaftler avant la lettre gelingt es Christian Doelker, exemplarische Argumentationsstränge aus Philosophie, Kunstgeschichte, Philologie, Bildtheorie und den Kommunikationswissenschaften zu bündeln und daraus mit Scharfsinn und Ironie einen lesbaren Medientext zu flechten. 

Daniel Ammann, 23.5.2017 

«Sternstunde Medienbildung.»
Akzente 2 (23.5.2017).
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Christian Doelker.
Der Medien-Code: Marilyn Monroe, Berthe Morisot, Charles Darwin, Comenius und Platon im Gespräch über die digitale Gesellschaft.
Bern: hep verlag, 2016. 126 Seiten.

Rot und Schwarz

Rot und Schwarz

Das Kino nimmt sich immer mal wieder die unrühmlichen Kapitel der Geschichte vor. So erinnert man sich an Alan J. Pakulas All the President’s Men (1976) oder wartet gespannt auf den neuen Steven-Spielberg-Film The Post, der Anfang nächsten Jahres in die Kinos kommt. Aber nicht nur Watergate-Skandal und Vietnam-Krieg liefern Stoff für die grosse Hollywood-Leinwand, manchmal auch das Kino selbst. Im Biopic Trumbo zeichnet Regisseur Jay Roach die wechselhafte Karriere des erfolgreichen Drehbuchautors Dalton Trumbo (1905–1976) nach und unternimmt den Versuch, einen durch die McCarthy-Ära geächteten Schriftsteller zu rehabilitieren. Trumbo (brillant verkörpert von Breaking Bad-Star Bryan Cranston) zählt in den 1940er-Jahren zu den gefragten Drehbuchlieferanten. Durch seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei gerät er aber bald ins Visier von Senator McCarthy und dessen «Komittee für unamerikanische Aktivitäten». Die Folgen sind Berufsverbot, öffentliche Demütigung und sogar eine Gefängnisstrafe, weil er sich weigert, seine Kollegen zu denunzieren. Trumbo arbeitet über Strohmänner weiter und gewinnt unter falschem Namen sogar zwei Oscars.

Laut Filmabspann bleibt das Komitee für unamerikanische Umtriebe noch bis 1975 aktiv. Erst in diesem Jahr wird Dalton Trumbo teilweise rehabilitiert und bekommt den Drehbuch-Oscar für The Brave One (dt. «Roter Staub», 1956). Die Auszeichnung für seine Mitarbeit an William Wylers Roman Holiday (dt. «Ein Herz und eine Krone», 1953) kann Trumbos Witwe Cleo erst 1993 entgegennehmen.
Filmische Geschichtslektionen dieser Art leisten einen anschaulichen Beitrag zur politischen Bildung und regen für einmal nicht nur aufgrund der Fakten, sondern durch die emotionale Identifikation mit Betroffenen zur Diskussion an. Ein besonders eindrückliches Beispiel stellt der Film Hidden Figures von Theodore Melfi dar.

Erzählt wird die Geschichte dreier afroamerikanischer Frauen, die während des Kalten Krieges und in Zeiten massiver Rassentrennung und Bürgerrechtskämpfe bei der Weltraumbehörde als Mathematikerinnen arbeiten. Eine von ihnen, Katherine G. Johnson, liefert Formeln und Berechnungen, die wesentlich dazu beitragen, dass die USA den Wettlauf zum Mond gewinnen und damit Präsident John F. Kennedys berühmtes Versprechen einlösen. Nach ersten Erfolgen der Sowjets liess dieser 1961 verlauten, noch vor Ablauf des Jahrzehnts solle ein US-Amerikaner den Mond betreten und gesund wieder auf die Erde zurückkehren. 2015 wird die 97-jährige Katherine Johnson von Präsident Obama mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet und erhält 50 Jahre nach ihrem Einsatz für das US-amerikanische Raumfahrtprogramm eine der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen.
Beide Filme liefern zwar mehr Unterhaltungskino als beissende Gesellschaftskritik, setzen zuweilen auf komödiantische Elemente, aber vielleicht ist dies in Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit auch als Signal für Menschlichkeit zu werten.

Daniel Ammann, 27.11.2027

«Rot und Schwarz: Zeitgeschichte im Unterhaltungskino.»
Akzente 4 (27.11.2017).
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Trumbo.
USA 2015. Regie: Jay Roach.
Zürich: Ascot Elite, 2016. DVD.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen.
USA 2016. Regie: Theo­dore Melfi.
Frankfurt/M.: Twentieth Century Fox Home Entertainment, 2017. DVD.

Magoria by Daniel Ammann