Dass Algorithmus von den meisten Algorüthmus ausgesprochen (und in der Folge dann vielleicht bald auch mit falschem Y geschrieben) wird, daran hab ich mich schon fast gewöhnt. Dass hingegen auf SRF das Wort Serie konsequent (und entgegen der Etymologie und der Duden-Empfehlung) auf der zweiten Silbe und mit langen iii gesprochen wird, lässt mich jedes Mal erschaudern. Ich sehe nur einen Vorteil, man kann unterscheiden zwischen einem Serienkiller (der reihenweise mordet) und einem Serienkiller (also jemandem, der notorisch TV-Serien abmurkst – vermutlich mit Seriefeuer).
Vielleicht würde es helfen, wenn wir uns bei der nächsten Rechtschreibreform auf die Schreibweise Sehrie einigen.
«Bastardwendungen oder cooles Alltagsdeutsch? Wie Synchronesisch unsere Sprache beeinflusst.» Sprachspiegel 1 (2024): S. 2–19. Open Access (PDF) unter: zenodo.org/records/19628542
Im «Sprachspiegel» (1/2024, S. 2–19) habe ich mich mit dem Phänomen «Synchronesisch» (engl. dubbese) und seinen Wechselwirkungen mit der Alltagssprache (und dem, was Eike Schönfeld «Bastardwendungen» nennt) auseinandergesetzt. Dabei werfe ich am Beispiel einer Episode aus der Netfllix-Serie Designated Survivor (2016–2019) auch einen vergleichenden Blick auf die Untertitelung und schaue mir an, wie die literarischen Übersetzer:innen von J. D. Salingers Klassiker The Catcher in the Rye (1951) mit dem Wörtchen «okay» umgehen.
Wörter sitzen nicht still. Vagabunden sind sie, Flattergeister und Gestaltwandler. Sie machen Karriere, verschwinden wieder von der Bildfläche oder legen sich neue Bedeutungen zu. «Seit wann hat ‹geil› nichts mehr mit Sex zu tun?», fragte Mattias Heine vor ein paar Jahren. Auch in seinem neuen Buch Eingewanderte Wörter (DuMont, 2020) widmet er sich dem Sprachwandel und geht den lexikalen Rumtreibern auf den Grund – dem baskischen «bizarr», dem rätoromanischen «Gletcher» oder dem hawaiischen «Kanake».
In Hä? Die schönsten unübersetzbaren Wörter der Welt: Von Anorak bis Zombie (Goldmann, 2019) schauen Christian Koch und Axel Krohn ebenfalls über die Sprachgrenzen. In unverblümten Glossen erzählen sie von idiomatischen Kuriositäten, unübersetzbaren Wörtern und Redewendungen. So erfährt man, wie die Einhörner ins Kinderzimmer kamen und warum der Marienkäfer in Russland eine Kuh ist.
Dass sich Wörter nicht nicht so leicht einfangen lassen, zeigt Farhad Safinias Filmbiografie The Professor and the Madman (2019). Nach mehreren gescheiterten Anläufen, ein Wörterbuch für die gesamte englische Sprache zu erstellen, beauftragt die Universität Oxford 1879 den Schotten James Murray (Mel Gibson) mit dieser Herkulesaufgabe. Auf dem Korrespondenzweg beteiligen sich Menschen im ganzen Land und liefern Textstellen und Belege aus den letzten Jahrhunderten. Einer der eifrigsten Helfer ist Dr. William Minor (Sean Penn). Allerdings weiss Murray nicht, dass der ehemalige Militärarzt nicht der Leiter, sondern Insasse einer geschlossenen Anstalt für Geistesgestörte ist.
Daniel Ammann, 25.11.2020
«Verqueren Wörtern auf der Spur.» Akzente 4 (2020): S. 35. Download
Matthias Heine Eingewanderte Wörter: Von Anorak bis Zombie. Köln: DuMont, 2020. 144 Seiten.
Christian Koch und Axel Krohn Hä? Die schönsten unübersetzbaren Wörter der Welt … und andere Sprachkuriositäten. München: Wilhelm Goldmann, 2019. 248 Seiten.
The Professor and the Madman. Irland 2019. Regie: P. B. Shemran. Buch: P.B. Shemran und Todd Komarnicki. Vorlage: Simon Winchester. Darsteller: Mel Gibson, Sean Penn.
In Gullivers Reisen1 wird an einer Akademie eine Debatte darüber geführt, wie man die Sprache verbessern könnte. Ein Professor schlägt vor, «die Rede zu verkürzen, indem man alle vielsilbigen Wörter so zurechtstutzt, dass nur noch eine Silbe übrig bleibt». Ferner könne man alle Verben und Partizipien künftig weglassen, «weil alle vorstellbaren Dinge der Wirklichkeit ja ohnehin nur Substantiva seien». Der Satiriker Jonathan Swift hat sich also vor dreihundert Jahren schon Gedanken über «Einfache Sprache» gemacht.
Dinge statt Worte
Ein anderes Projekt ging noch einen Schritt weiter und bezweckte gleich sämtliche Wörter abzuschaffen: Da es sich bei Wörtern lediglich um «Namen für die Dinge» handle, könne man stattdessen ja einfach die Dinge mit sich tragen, die man benötigt, «um Sachen auszudrücken, über die man sich jeweils unterhalten wolle.»
Nun können wir vielleicht ohne Wörter, aber bestimmt nicht ohne Begriffe auskommen. Beispiele für Kommunikation jenseits der artikulierten oder geschriebenen Wortsprache stellt Andrea Weller-Essers in einem kleinen Band aus dem Duden Verlag vor.
Tatsächlich geht es auch ohne Worte – nicht nur im Bilderbuch, sondern überall dort, wo die Verbalsprache in geschriebener oder gesprochener Form versagt oder nicht zum Zug kommt. Unter Wasser verständigt man sich mit Tauchzeichen, Polizei und Bodenlotsen am Flughafen regeln den Verkehr mit Handzeichen und auch im Konzertsaal, auf dem Fussball- oder Eishockeyfeld wird das Geschehen mit Gesten dirigiert. Sprachen im eigentlichen Sinn sind das jedoch nicht – im Unterschied etwa zur Gebärdensprache der Gehörlosen oder der ideografischen Bliss-Schrift, mit denen sich dank Begriffen und Grammatik praktisch alles ausdrücken lässt. Das reich illustrierte Duden-Büchlein stellt neben Musik- und Tanznotationen auch verschiedene Schriftsysteme und exotische Signalsprachen vor. Damit vermittelt es einen breiten Einblick in die faszinierende Welt der Kommunikation. Selbst ohne Worte sind wir mit unserem Latein also noch lange nicht am Ende.
Daniel Ammann, 26.2.2020/2026
«Wortlos kommunizieren?» Akzente 1 (2020): S. 35. Download
Jonathan Swift. Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Zürich: Manesse, 2017. ↩︎
Andrea Weller-Essers Sprachen ohne Worte: Kommunikation auf anderen Wegen. Berlin: Dudenverlag, 2019. 80 Seiten.
«Wie lispelt man auf Deutsch? Über die (kleinen und grösseren) Tücken des Übersetzens.» Neue Zürcher Zeitung 7.12.2019, S. 47. nzz.ch/feuilleton/ (9.12.2019)
Dass literarisches Übersetzen eine hohe Kunst ist, weiss man mittlerweile. Und häufig sitzt dabei der Teufel im Detail.