Wörter mit Geschichte

Mit den täuschenden Wörtern in Heike Olschanskys handlichem Taschenbuch verhält es sich wie mit den falschen Freunden, vor denen man uns im Fremdsprachenunterricht gewarnt hat. Ein Handy ist zwar handy (also «praktisch»), aber die beiden Homophone haben im Deutschen und im Englischen nicht die gleiche Bedeutung. Auch die mannigfachen Einträge im kleinformatigen Lexikon der Volksetymologien legen verwandtschaftliche Beziehungen zu bekannten Wörtern nahe, zeigen auf den zweiten Blick aber, dass wir einem Irrtum erliegen. Gelegentlich führt die mutmassliche Familienähnlichkeit sogar dazu, dass ein Wort sich verbiegt und der mundgerechte Wortwechsel dann erst recht zu falschen Vorstellungen verleitet.

Ein sprechendes Beispiel ist der Maulwurf. Pflügt sich dieses Wesen etwa mit baggerschaufelartigem Kiefer durch den Untergrund? Davon kann keine Rede sein. Der ursprüngliche «Haufenwerfer» (mūwerf) wurde im Lauf der Geschichte schon früh zum «Erdwerfer» (multwurf) umgedeutet und verwandelte sich schliesslich dank Ähnlichkeit mit dem mittelhochdeutschen mūle (für «Maul») zu dem, was er heute ist. Eine volksetymologische Täuschung, wie Olschansky festhält, denn das kuriose Tier arbeitet sich nicht mit der rüsselartigen Schnauze durch den Untergrund, sondern gräbt sich mit seinen schaufelartigen Vorderpfoten einen Weg durch die Erde (die als Mull noch im Wort Torfmull anklingt).

Der Grund für solche Wandlungen liegt häufig in isolierten Wortbausteinen, deren Herkunft verblasst, sobald die letzten Verwandten aus dem Wortschatz verschwinden. So hat das mittelhochdeutsche rām (für «Ziel») keine lexikalischen Nachkommen mehr, lebt aber noch im Wort anberaumen weiter (das folglich nichts mit Raum zu tun hat). Auch Abc-Schützen schiessen nicht mit Bogen und Bleistift aufs Alphabet. Hier wurde bloss der Anfänger (lat. tīro) mit dem französischen tirer in Verbindung gebracht und hat zur irreführenden Übersetzung inspiriert. Dass Volksetymologien eine weitläufige und multikulturelle Erscheinung sind, illustriert die Autorin schliesslich in einem Kapitel über Orts- und Familiennamen sowie einem anregenden «Blick über den deutschsprachigen Tellerrand».

Die Herkunft unserer Wörter mag knifflig sein, aber die Freude über sprachliche Fata Morganen darf man sich nicht verkneifen.

Daniel Ammann, 28.2.2019


«Wörter mit Geschichte.»
Akzente 1 (28.2.2019).
Download 

Heike Olschansky
Täuschende Wörter: Kleines Lexikon der Volksetymologien.
Stuttgart: Reclam, 2017. 253 Seiten.

Hände voller Worte

Hände voller Worte

Obwohl an den meisten Gehörlosen­schulen die lautsprachliche Erziehung im Vordergrund steht, gewinnt die Gebärden­sprache – als wichtigstes Element innerhalb der Gehörlosen­gemeinschaft und ihrer Kultur – auch in der Bildungsarbeit vermehrt an Bedeutung. Die Gebärden­sprache der Gehörlosen ist die einzige visuelle Sprache und als Kommunikation­smittel ebenso leistungsfähig wie unsere Wortsprache

«Hände voller Worte: Die Gebärdensprache der Gehörlosen.»
infos und akzente 1 (Feb. 1998): S. 18–23.
doi.org/10.5169/seals-917335
 Download


Siehe auch:


«Zeichen und Sprachen.» Leseforum Schweiz / Forum suisse sur la lecture, Bulletin 9 (2000): 36–40.
 Download


An Index to Dialect Maps of Great Britain

Fischer, Andreas und Daniel Ammann.

An Index to Dialect Maps of Great Britain.
Varieties of English Around the World, General Series Vol. 10.
Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 1991. 150 Seiten.
ISBN 978-90-272-4868-8 (Eur.) / 978-1-55619-439-9 (US) / e-Book ISBN 9789027277572
€ 75.–; $ 113.–.

benjamins.com/catalog/veaw.g10

The results of the dialect surveys of Great Britain have been published in the form of hundreds of single and collected maps, but so far there has been no actual handbook to the charted material. The Index to Dialect Maps of Great Britain, containing a full introduction, an alphabetical word-list and a comprehensive bibliography, fills this gap. As a compendious directory to mapped words‘ it provides not only a lexical compass in a cartographic jungle, but serves as a guide to the major dialect surveys (Survey of English Dialects, Survey of Anglo-Welsh Dialects, Linguistic Survey of Scotland) and the numerous publications they have spawned. All atlases as well as the maps in the many individual studies and scattered articles are fully documented. Each of the over 2000 lexical entries identifies the original survey by questionnaire number and gives a detailed list of all the references to printed maps in which these words and phrases are contained. The present volume will prove an indispensable guide for all researchers in the field of dialectology and linguistic variation, enabling its users to gain quick access to the various sources of maps. In this way the Index — while still a simple work of reference — may also furnish the materials for more thorough studies of map-making and its implications.

Rezensionen:

Bergup, Bernice. Review of An Index to Dialect Maps of Great Britain.
ARBA 23 (1993): S. 452–453 (entry 1067).

Chevillet, François. Review of An Index to Dialect Maps of Great Britain.
Études Anglaises 46.2 (1993): S. 207–208.

Glauser, Beat. Review of An Index to Dialect Maps of Great Britain.
English World-Wide 13.1 (1992): S. 121–24.

Krause, Christine B. Review of An Index to Dialect Maps of Great Britain.
Anglia: Zeitschrift für englische Philologie 111.3/4 (1993): S. 487–489.

Nielsen, Hans F. Review of An Index to Dialect Maps of Great Britain.
Word 44.2 (August 1993): S. 327–329.

 

Magoria by Daniel Ammann