
Thornton Wilders Roman Die Brücke von San Luis Rey beginnt mit einer fiktiven Katastrophe. Als am 20. Juli 1714 Jahren in Peru eine alte Hängebrücke reisst, stürzen fünf Menschen in den Tod.

Das ist keine Effekthascherei, sondern Ausgangspunkt für eine religionsphilosophische Grundfrage. Schlägt das Schicksal blind zu oder gibt es einen Grund, weshalb Gott diese Menschen gerade jetzt sterben lässt? Der Franziskanermönch Bruder Juniper wird Zeuge des Unglücks. In der Katastrophe erkennt er eine einzigartige Möglichkeit, der Sinnfrage nachzugehen.
«Warum passierte das ausgerechnet diesen fünf?», fragte er sich. Wenn es überhaupt einen Plan im Universum gab, wenn das menschliche Dasein irgendeinem Muster folgte, so mussten diese doch, verborgen angelegt, in den so jäh abgeschnittenen Lebensläufen zu finden sein. Entweder wir leben durch Zufall und sterben durch Zufall, oder wir leben nach Plan und sterben nach Plan.
Auf der Suche nach Antworten fasst er den Entschluss, die Lebensgeschichten der Opfer minutiös nachzuzeichnen und ihre Geheimnisse zu ergründen. Schon lange hegte er den Wunsch, die Theologie den exakten Wissenschaften gleichzustellen. «Was ihm bislang gefehlt hatte, war ein Versuchslabor.»
Nach gut hundert Jahren hat Thornton Wilders Roman nichts an existenzieller Brisanz verloren. The Bridge of San Luis Rey, 1927 erschienen und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, wurde bereits 1929 zum ersten Mal von Herberth E. Herlitschka ins Deutsche übersetzt und seither mehrfach verfilmt. Aktuell liegt der Roman in einer Neuübersetzung von Brigitte Jakobeit aus dem Jahr 2014 vor.
Daniel Ammann, 20.7.2026

Thornton Wilder
Die Brücke von San Luis Rey.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Mit einem Nachwort von Patrick Roth.
Frankfurt/M.: S. Fischer, 2014 / 2022.


