«Ich würde gern so malen können, wie du schreibst», sagt Paul Cézanne (im Film Cézanne et moi) zu seinem Freund Émile Zola.
Und vierzig Jahre später schreibt Ernest Hemingway an Gertrude Stein und Alice B. Toklas, dass er Landschaften so beschreiben möchte, wie Cézanne sie malt.
Serien zeichnen sich als medienübergreifendes Phänomen primär durch ihren Programmcharakter aus. Ob Buch- oder Filmzyklus, Heftroman, Comic-Serie, TV-Mehrteiler, Daily Soap, Krimi-Reihe oder Familiensaga als prime time serial spielt keine Rolle. Unabhängig von Inhalt oder medialer Gattung steht vielmehr die sequenzielle Darbietungsform mit mehreren Folgen im Vordergrund.
Neben der protoypischer Episodenserie (mit abgeschlossener Folgenhandlung) und der episch angelegten Fortsetzungsserie (mit episoden- und staffelübergreifenden Handlungsbögen) existiert seit den Anfängen der Fernsehgeschichte bereits ein drittes Programmformat, das etwas aus der Reihe tanzt: die Anthologieserie. Diesem Sonderfall narrativer Reihung, seiner Systematik und der Analyse exemplarischer Spielarten widmet sich der von Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg herausgegebene Sammelband mit zwölf Beiträgen.
Unter dem Label Anthologieserie – wie die Bezeichnung in Anlehnung an literarische Textsammlungen nahelegt – werden Geschichten als unabhängige Einzelfolgen präsentiert oder bilden abgeschlossenen Staffeln aus mehreren Episoden. Wie in der britischen Science-Fiction-Serie Black Mirror wechseln Handlungsschauplätze, Plot und Personal entweder von Folge zu Folge oder ändern von Staffel zu Staffel wie etwa bei den US-amerikanischen Krimiserien Fargo und True Detective.
Die für Episoden- und Fortsetzungsserien typischen Techniken und Erzählmuster kommen demnach nur bedingt zum Einsatz. Parasoziale Beziehungen zu vertrauten Figuren oder mitwirkenden Schauspieler:innen bleiben auf eine einzelne Episode oder Staffel beschränkt. Auch der Spannungsdramaturgie oder dem Einsatz bewährter Cliffhanger sind engere Grenzen gesetzt, da am Ende einer eigenständigen Episode oder zum Staffelfinale keine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird.
Damit das Ganze dennoch als Serie funktionieren und ein Stammpublikum ansprechen kann, braucht es offensichtlich andere Anreize und Qualitäten. «Anthologieserien konstituieren Kohärenz und Äquivalenz nicht über die Konstanz ihrer Figuren und Diegesen und auch nicht über mehrere Staffeln sukzessiv verlaufender Narrative, sondern auf subtileren formseitigen Wegen», halten die Herausgeber:innen in der Einleitung fest. In Kompilationen aus heterogenen Geschichten spielen thematische Sujets, Erzählatmosphäre oder wiederkehrende Figurentypen und Motive viel eher eine Rolle. Aber auch formale und gestalterische Elemente wie narrative Rahmung, Intertextualität, Kamera- und Schnitttechnik oder ein markantes Sounddesign dürften die serielle Machart unterstreichen und beim Publikum für besondere Attraktivität sorgen.
Daniel Ammann, 24.8.2023
«Erzählen in Folge.» Akzente 3 (24.8.2023). Download
Kilian Hauptmann, Philipp Pabst und Felix Schallenberg, Hrsg. Anthologieserie: Systematik und Geschichte eines narrativen Formats. Marburg: Schüren Verlag, 2022. 270 Seiten.
Der Briefroman feiert ein Comeback und schlägt mit digitalem Pingpong ein zeitgemässes Tempo an. Daniel Glattauers E-Mail-Romanze Gut gegen Nordwind hat es inzwischen ins Kino und zu Netflix geschafft (Vanessa Jopp, 2019).
Ein schonungslos ehrlicher Briefwechsel, so heisst es in Zwischen Welten von Juli Zeh und Simon Urban, sei eine interessante Sache, man lerne eine Menge über sich selbst und die anderen (Luchterhand, 2023). Das gilt, wie der unzimperliche Titel vermuten lässt, auch für Liebes Arschloch von Virginie Despentes (Kiepenheuer & Witsch, 2023). Da wie dort nehmen die Figuren kein Blatt vor den Mund und verhandeln persönliche Midlife-Krisen und gesellschaftliche Themen unserer Zeit mit gnadenloser Direktheit.
Ebenso frisch und frech, aber weniger abgeklärt klingt es in Holly Goldberg Sloans und Meg Wolitzers turbulentem Jugendroman An Nachteule von Sternhai (Hanser, 2019). «Ich kenne dich nicht», beginnt die abenteuerlustige Bett ihre Mail an die altkluge und von Lebensängsten geplagte Avery. «Aber ich schreibe dir trotzdem.» Tatsächlich dreht sich zu Beginn alles darum, dass die zwölfjährigen Girls nichts miteinander zu tun haben wollen. Nur weil ihre alleinerziehenden Väter sich ineinander verliebt haben, muss das noch lange nicht bedeuten, dass die beiden Töchter sich kennenlernen und gleich Schwestern werden wollen. Ein fulminanter Auftakt, der hält, was er verspricht.
Daniel Ammann, 17.5.2023
«E-Mails à gogo.» Akzente 2 (2023): S. 35. Download
Literaturangaben
Gut gegen Nordwind. Regie: Vanessa Jopp. Deutschland 2019. DVD Sony Pictures Home Entertainment und Netflix.
Juli Zeh und Simon Urban Zwischen Welten. München: Luchterhand Literaturverlag, 2023. 446 Seiten.
Virginie Despentes Liebes Arschloch. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger und Tatjana Michaelis. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 336 Seiten.
Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer An Nachteule von Sternhai. Aus dem Englischen v. Sophie Zeitz. München: Hanser, 2019. 288 Seiten. / München: dtv, 2021. Ab 11 Jahren.
«Bastardwendungen oder cooles Alltagsdeutsch? Wie Synchronesisch unsere Sprache beeinflusst.» Sprachspiegel 1 (2024): S. 2–19. Open Access (PDF) unter: zenodo.org/records/19628542
Im «Sprachspiegel» (1/2024, S. 2–19) habe ich mich mit dem Phänomen «Synchronesisch» (engl. dubbese) und seinen Wechselwirkungen mit der Alltagssprache (und dem, was Eike Schönfeld «Bastardwendungen» nennt) auseinandergesetzt. Dabei werfe ich am Beispiel einer Episode aus der Netfllix-Serie Designated Survivor (2016–2019) auch einen vergleichenden Blick auf die Untertitelung und schaue mir an, wie die literarischen Übersetzer:innen von J. D. Salingers Klassiker The Catcher in the Rye (1951) mit dem Wörtchen «okay» umgehen.
Sind wir gewappnet für den Blackout? Ein Stromausfall legt alles lahm. Lancelot von Nasos Miniserie Blackout (2021, nach der Romanvorlage von Marc Elsberg) führt realitätsnah vor Augen, wie schnell in Ausnahmesituationen Zerstörung und Ohnmacht um sich greifen. Trotz hehrer Prinzipien sind wir nur einen Schritt von der Barbarei entfernt. Seine Geschichte sei Fiktion, betont Marc Elsberg im Nachwort seines Wissenschaftsthrillers (Blanvalet 2021). Aber während der Arbeit am Text sei die Wirklichkeit mehrmals von der Realität eingeholt worden.
Vergleichsweise ruhig beginnt es in Don DeLillos Roman Die Stille (Kiepenheuer & Witsch 2020). In einer New Yorker Wohnung wartet eine kleine Gruppe auf die Direktübertragung des Endspiels der American Football-League. Dann wird der Bildschirm schwarz. Über das Ausmass der Störung können die Anwesenden nur spekulieren. Denn ohne Strom sind sie von jeglicher Information abgeschnitten. Super-GAU statt Super Bowl?
Science-Fiction-Filme und Fernsehserien haben schon sämtliche Ursachen und Schreckensszenarien durchgespielt: Kriege, Meteoriten, Pandemien, Naturkatastrophen ebenso wie technische Pannen, menschliches Versagen oder Cyberangriffe. In seiner Studie Blackout – nichts geht mehr (Schüren 2022) hat der Medien- und Filmwissenschaftler Denis Newiak an die hundert Produktionen unter die Lupe genommen. Er zeigt auf, welche Erkenntnisse sich aus populärkulturellen Fiktionen ableiten lassen und präsentiert am Schluss eine praktische Checkliste, wie wir uns am besten auf den realen Blackout vorbereiten.
Daniel Ammann, 25.8.2022
«Wenn die Lichter ausgehen.» Akzente 3 (2022): S. 39. Download
Blackout. Deutschland 2021. Miniserie, 6 Folgen. Regie: Lancelot von Naso.
Marc Elsberg Blackout: Morgen ist es zu spät. München: Blanvalet, 2021. 896 Seiten.
Don DeLillo Die Stille. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2020. 112 Seiten.
Denis Newiak Blackout – Nichts geht mehr: Wie wir uns mit Filmen und TV-Serien auf einen Stromausfall vorbereiten können. Marburg: Schüren Verlag, 2022. 252 Seiten.