Woher nehmen Schriftsteller:innen eigentlich ihre Einfälle? Die Antwort erstaunt – und ist zugleich fast banal: Das Neue geht aus dem Alten hervor, indem wir Vertrautes variieren, umkrempeln oder auf ungewohnte Weise mit anderem kombinieren.
«Die beste Idee kommt in der Badewanne.» Neue Zürcher Zeitung 6.2.2021, S. 37. nzz.ch/feuilleton/
«Im Räderwerk der Zeit.» Neue Zürcher Zeitung 17.10.2020, S. 36–37. nzz.ch/feuilleton/
Es gibt Momente, in denen nur ein Zufall den Lauf der Geschichte zu bestimmen scheint. Die Vorstellung, die Würfel wären anders gefallen, ist verführerisch, und entsprechend gern greift die Literatur solche Szenarien auf. Aber wird die Welt in diesen Entwürfen wirklich besser?
Autorinnen und Autoren können zu persönlichen Helden werden. Aber in ihren eigenen Romanen kommen sie mitunter ganz schlecht weg. Deshalb «Niemals den Helden begegnen», wie Henry David Thoreau in der Serie «Dickinson» zur Dichterin Emily Dickinson sagt.
Das Verhältnis zwischen Schriftsteller:innen und ihren Figuren ist manchmal ganz schön vertrackt. Wer treibt da eigentlich wen? Es gibt die literarischen Autokraten, die ihre Charaktere flach auf dem Papier halten. Und dann die Autorinnen und Autoren, die das Gefühl haben, sogar den Alltag mit ihren Figuren zu teilen. Welche Fraktion ist grösser?
«‹Sie sind Kleiderbügel!› – ‹Nein, sie leben.›» Neue Zürcher Zeitung 14.3.2020, S. 39. Online-Titel (16.3.2020): «Wer treibt da wen? Das Verhältnis zwischen Schriftstellern und ihren Figuren ist manchmal ganz schön vertrackt.» nzz.ch/feuilleton/
Wer sich Bibliotheken als friedlichen Hort für Bücher vorstellt, muss umdenken. Bald stehen die Regale nur noch in virtuellen Räumen, wo die Werke vor Menschenhand und Katastrophen in Sicherheit sind. Unvergessen bleibt die Szene aus dem Film The Day After Tomorrow (2004): Überlebende flüchten vor dem Eissturm in die New York Public Library und verheizen die wertvollen Bücher im Kamin. Einen Zufluchtsort ganz anderer Art bietet die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte in David Foenkinos’ Roman Das geheime Leben des Monsieur Pick (Penguin 2018), den Rémi Bezançon 2019 fürs Kino adaptiert hat. Wer keinen Verlag findet, darf sein Werk hier der Nachwelt hinterlassen. Als eine Lektorin ausgerechnet an diesem abgelegenen Ort in der Bretagne auf ein Meisterwerk stösst, sorgt das für gehöriges Aufsehen und gibt Rätsel auf. Der unbekannte Autor war Pizzabäcker und ausser einem Brief an seine Tochter ist von ihm keine Zeile überliefert.
Von vielen Büchern bleibt indes gar nichts übrig. Davon berichtet Alexander Pechmann in seinem launigen Sachbuch Die Bibliothek der verlorenen Bücher (Aufbau Digital 2015). Von den Schriften der Antike ist weniger als ein Zehntel erhalten. Bibliotheken gehen in Flammen auf, Manuskripte verschwinden spurlos oder werden mutwillig zerstört. Und manch ein Text wird nicht einmal aufgeschrieben.
All das erinnert auch ein bisschen an den Friedhof der vergessenen Bücher aus Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes (Fischer 2013). Zum Glück gibt es noch diese magischen Bücher, die von verwunschenen Bibliotheken erzählen.
Daniel Ammann, 26.2.2020
«Verwunschene Bibliotheken.» Akzente 1 (2020): S. 35. Download
David Foenkinos Das geheime Leben des Monsieur Pick. Aus dem Französischen von Christian Kolb. München: Penguin, 2018. 336 Seiten.
Le Mystère Henri Pick. (Der geheime Roman des Monsieur Pick) Frankreich/Belgien 2019. Regie: Rémi Bezançon.
Alexander Pechmann Die Bibliothek der verlorenen Bücher. Berlin: Aufbau Digital, 2015. 226. Seiten.
Carlos Ruiz Zafón Der Schatten des Windes. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Frankfurt/M.: Insel, 2003. 529 Seiten.