Mit einer Frage beginnen?

Fragen sind die Triebfeder jeder Erzählung.1 Aber das bedeutet nicht, dass Geschichten diese Frage gleich zu Beginn auch stellen und den ersten Satz mit einem Fragezeichen enden lassen. Manchmal wird das Rätsel zu Beginn bereits angekündigt, aber nicht explizit als Frage formuliert. Sehr eindrücklich in Paul Austers Buch der Illusionen: «Alle dachten, er sei tot» (dt. v. Werner Schmitz). Da möchte man schon gern wissen, von wem hier die Rede ist und wo dieser mysteriöse Jemand abgeblieben ist.

Alle dachten, er sei tot.

Eine andere Möglichkeit: Der erste Satz ist zwar grammatikalisch eine Frage, benennt aber kein Geheimnis oder Rätsel, auf das wir von der Geschichte eine Antwort erwarten. Die Frage kann sogar in die Irre führen oder scherzhaft gemeint sein, wie bei Robert Menasse: «Wer hat den Senf erfunden?» (Die Hauptstadt). Oder sie führt mit einem Dialogsatz oder erlebter Rede mitten ins Geschehen, wie das Matthias Brandt in Blackbird tut:  

Warum ging eigentlich keiner ans Telefon?

Bleiben noch jene Fälle, die zumindest die Neugier wecken und damit ihre Funkton erfüllen. Inwieweit sie die Handlung bestimmen, wird sich dann im Verlauf der Geschichte herausstellen. «Warum machte ich eigentlich diese Reise nach Afrika?», eröffnet Saul Bellow (Der Regenkönig, dt. v. Herbert A. Frenzel), Zora del Buono fragt: «Wann hatte sie angefangen, ihre Mutter zu hassen?» (Die Marschallin) und auch Das Geheimnis des Edwin Drood von Charles Dickens steigt, wenngleich etwas elliptisch, mit einer Frage ein: «Ein altes englisches Kathedralenstädtchen?» (dt. v. Burkhart Kroeber). 2

Der Fall Moriarty

Alex Horowitz praktiziert in Moriarty (dt. unter dem Titel Der Fall Moriarty) beides: Die Einstiegsfrage macht den inhaltlichen Auftakt, benennt also das Rätsel, um das es im Folgenden gehen wird. Gleichzeitig holt sein Ich-Erzähler die Leser:innen mit einer rheto­rischen Suggestivfrage ins Boot, bevor er sich vorstellt und in die Handlung einführt. 

Der Titel des Romans nimmt es vorweg: Das hier ist eine Sherlock-Holmes-Geschichte. Keine gewöhnliche allerdings, denn das Rätsel betrifft teilweise den Meisterdetektiv und seinen bösen Widersacher. Holmes und Moriarty sind angeblich an den Reichenbachfällen zu Tode gekommen. Aber es gibt unzählige Ungereimtheiten, denen ein anderer Detektiv nun auf den Grund geht. 

Die Frage im ersten Satz ist also intertextuell aufgeladen. Sie setzt voraus, dass der Kontext den Lesenden vertraut ist. Die Reichen­bach­fälle oberhalb von Meiringen gibt es tatsächlich, aber sie haben sich als literarischer Topos verselbständigt. Zudem legt die Einstiegsfrage nahe, dass wir auch über die Folgen Bescheid wissen. Conan Doyle wollte seinen Sherlock Holmes loswerden, musste ihn später aber doch wieder auferstehen lassen. Dazu stehen zwei Möglichkeiten zu Gebote: Entweder die neuen Fall­geschichten liegen weiter zurück oder der Tod des Helden erweist sich im Nachhinein als Finte. 

Daniel Ammann 24.6.2026

  1. Vgl. meinen Beitrag «Mit einer Frage fängt es an: Erkenntnis durch Schreiben». Erschienen in:
    Wissenschaftlich erzählen – literarisch überzeugen: Kreativ schreiben in der Hochschule. Hrsg. v. Daniel Ammann, Erik Altorfer, Gisela Bürki u. Alex Rickert. Bern: hep Verlag, 2023. S. 20–33. ↩︎
  2. Vgl. meinen Beitrag «Charles Dickens und sein letztes Rätsel» (28.9.2025). ↩︎
Magoria by Daniel Ammann